Seine besten Biere hatte in völliger Einsamkeit oder mit Freunden an einem lauen Sommerabend auf einem Balkon genossen. Damit sind natürlich nicht die Freunde gemeint, die man im Internet mit einem Klick schnell hinzugefügt hat. Scheinbar wirkt sich die Anzahl der beim Bier trinken beteiligten Personen direkt auf den Genuss aus und beeinflusst diesen negativ. Manchmal reicht auch schon nur eine falsche Person um einen ganzen Abend Bierfreunde kaputtzureden.

Vor einer Weile hatte er sich mit einer Handvoll Freunden auf nettes Zusammensein in einer Bar getroffen. Karten spielen, Bier trinken, rauchen, ab und zu eine Salzstange reinschieben und dann das Ganze wieder von vorne. Ein relativ simpel gestrickter Ablauf, der in der Regel immer erfolgreich einzuhalten ist. Der Nebentisch verblieb lange frei – immer eine gefährliche Situation, denn eine falsche Person hat man schneller als Tischnachbarn als einen stillen Beobachter.

Dann sollte das Unfassbare geschehen und die biergetränkte Gemütlichkeit sollte jäh gestört werden. Als die Tür sich öffnete erblickte er ein Duo zudem ihm spontan die Bezeichnung „die bucklige Schwester des Teufels und ihr Lustknabe“ in den Sinn kam. Da die beiden schon beim Hereintreten lautstark in ein Gespräch vertieft waren, war sein zweiter Gedanke „Gefahr im Verzug“. Die kurze Erleichterung, als sich das Paar in der hinteren Ecke des Etablissements umsahen, wich relativ schnell blankem Entsetzen, als die Stimmen wieder lauter wurden.
Nach einer kurzen Zeit des stillen Selbststudiums der Karte wurde sich auf zwei alkoholfreie Getränke geeinigt – er konnte ohne große Probleme alles mithören. Es sollte die letzte Ruhephase des Abends gewesen sein. Der Gesprächsanteil des männlichen Parts beschränkte sich für den Rest dieses Abends auf lustlos eingestreute Ja’s und Hmm’s mit einer angenehm leisen Stimme; während sein weibliches Gegenüber mit schriller Röhre quietsche, quiekte und penetrant den Raum durchdrang, der sich langsam mit ihrer Stimme zu füllen schien. Selbst die Musik verblasste vor ihrer Stimmgewalt.

Sie saß mit Blick auf seinen Tisch, dazwischen nur das schmale Kreuz ihres Begleiters, sodass ihre Stimme quasi ungebremst und ungefiltert auf seine Ohren traf. Sie hatte weiß Gott kein leichtes Leben, soviel hatte er schon verstanden: 2001 ist sie 18 geworden und hat ihr erstes Auto gekauft. Sie hat sich von ihren Eltern viel Geld leihen müssen, weil sie nach der Ausbildung selbst nichts hatte, aber zum Glück kann sie immer auf ihre Eltern zählen, die gerne mal Geld locker machen, wenn sie sich mal wieder was Großes kaufen möchte.

Seit sieben Jahren musste sie an Silvester arbeiten – aber nicht dieses Jahr! Deswegen soll dieses Jahr etwas Besonderes werden. Auch Zug fahren musste sie schon und wurde böse im Stich gelassen von der Deutschen Bahn! Nicht aber von der ODEG! Die waren immer pünktlich! Ihr Begleiter saugte alle Informationen auf wie ein Schwamm und unterzeichnete die dargebotenen Informationen mit Nicken und Schweigen. Je länger sie redete, umso schwerer wurde sein Kopf. Schwereloses Kartenspielen und Bier trinken wurde unmöglich durch einen stetigen Fluss an Informationen und er konnte sein Gehirn nicht mehr zwingen wegzuhören.

Zwischendurch vergewisserte er sich mehrmals bei seinem Gegenüber, das nicht nur er diese Erscheinung hatte, aber sie war absolut real wie ihm versichert wurde. Anfangs konnte er noch Informationen herausfiltern, aber später kam nur noch ein schrilles „Blablabla bladibal blalabla“ an – der Lustknabe nickte brav. Er versuchte zweimal ihr den „Blick“ zu geben, als Signal die Lautstärke runterzufahren. Entweder war sein Blick zu biergeschwängert und er schielte sie an, was er für unwahrscheinlich hielt, oder aber sie ignorierte ihn einfach und sah den Blick als Lob. Dann war Erlösung in Sicht: Man wollte in 10-15 Minuten losmachen, weil ein armer Trottel auf das ungleiche Paar wartete. Aus 15 Minuten wurden 30 und aus 30 Minuten eine Stunde.

Scheinbar hat der Irre am Telefon das einzig richtige getan und das Treffen abgesagt. Wer wollte es ihm übel nehmen. Ihm gingen zwischendurch diverse Lösungsansätze durch den Kopf: Zum Nebentisch gehen und mit dem Kopf auf den Tisch schlagen bis er ohnmächtig war oder Uschi vor Schreck ihre Sprache verliert. Er feilte gerade an einem ausgereifterem Plan, als zum zweiten Mal an diesem Abend das Unfassbare eintrat: Stille.

Er dachte seine Ohren waren wegen Überlastung kaputt gegangen. Als er sein Glas absetzte, hörte er wie es den Tisch berührte. Kein Zweifel. Der für den nächsten Morgen geplante Kater hatte bereits eingesetzt. Die Stille war nur von kurzer Dauer und eh er sich versah, ging das fröhliche Gespräch auch weiter. Je später der Abend umso mehr wurde das BlaBla zu einem ständigen Störgeräusch in seinem Kopf. Der personifizierte Tinitus.

Er hatte den Spaß am Biertrinken verloren und trank nur weiter weil er genervt war und die Stimme ausblenden wollte. Es gelang ihm nicht. Die drei oder vier Oasen der Stille nutze er so gut aus wie er nur konnte. Absolut reine Stille. Bier trinken, Karten spielen, rauchen: Alles schien wieder in Ordnung Zurückversetzt in bessere Zeiten. Glücklichere Zeiten, die noch nicht so lange her waren. Am Ende verließ er die Lokalität eher als die Tischnachbarn und warf ihnen einen verächtlichen Blick zu. Keine Reaktion. Vermutlich war dieses Mal wirklich zu viel Bier im Blick.

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