Dienstagmorgen – ich steige in den Bus und möchte gerne Ruhe. Nicht weil ich müde oder ein Morgenmuffel bin, sondern weil ich nur gerne Ruhe habe. Erst gestern saß eine Familie hinter mir, deren zwei Kinder durchgängig zwanzig Minuten gehustet haben. Ekelhaft. Das brauche ich nicht nochmal.

Als der Bus ankam um die Reisenden aufzusammeln, war mir schon alles klar, als der Busfahrer eine Mitwartende von Weitem anlachte. Entweder handelte es sich um aggresives Flirtverhalten oder er kannte sie. Und wenn der Busfahrer einen Mitfahrer kennt, dann ist das selten gut. Fast so schlimm, wie ein Busfahrer, der an den Haltestellen persönliche Telefonate führt – einmal durfte ich erfahren, dass ein Busfahrer seinem Sohn 600€ für den Urlaub überweist. Busfahren wird zum Erlebnis und die Rahmenunterhaltung während der Fahrt, entspricht ganz grob einem schlechten Film, den man während eines Fluges gezeigt bekommt.

Ich platzierte mich etwa mittig im Bus – die Mitfahrerin setzte sich direkt vorn in die Nähe des Busfahrer. Genau diese Sitzordnung macht die Situation erst gefährlich. Würde sie weiter hinten sitzen, wäre eine Unterhaltung unmöglich. Durch die Anordnung der Bekannten direkt nebeneinander, war es ein leichtes für den Fahrer „MDR 1 – Radio Sachsen“ auszuschalten und sich komplett auf das Gespräch zu konzentrieren. Das einzige Mal in meinem Leben, dass ich lieber MDR gehört hätte. Nur kurz ist das Gespräch der alten Damen hinter mir lauter, als das vor mir. Aber auch diese stellen scheinbar schnell fest, dass es vorne interessanter ist und sich das zuhören beim nächsten Plausch auf dem Markt lohnen könnte.

Der Fahrer spricht langsam und laut – gerade so laut, dass man es bis zum letzten Sitz hinten hören kann. Die Mitfahrerin antwortet meist kurz und knapp; sie scheint sich nicht so richtig wohl in der Situation zu fühlen. Leider konnte ich ihr Gesicht nicht sehen, aber ich nehme an, sie ist mehr als einmal rot angelaufen. Häufig entstehen kurze Pausen von etwa dreißig Sekunden, die gekonnt mit einem „Naja“ oder „Ach ja“ überspielt werden, bevor die Unterhaltung mit einer neuen Frage in eine komplett andere Richtung gelenkt wird.

Busfahrer hört man selten sprechen und kann sich daher ein Urteil nur anhand des Verkaufsgespräches beim Einstieg bilden. Mein Fahrer machte den Anschein nicht besonders schlau zu sein, was sich im Verlauf der Fahrt leider bewahrheiten sollte.

Bis zur Abfahrt waren es noch wenige Minuten, sodass man sich schon einmal warmsprechen konnte. „Warum fährst du denn da hin?“ – es war sofort deutlich, dass der Fahrer viel wissen wollte und gezielt Fragen stellte. Das erste Gespräch wurde jäh gestört, als ein Mann in Deutsch mit fremdländischem Akzent erfragen wollte, wie er an seine gewünschte Haltstelle kommt. Der Busfahrer antwortet besonders langsam und deutlich und wiederholte etwa vier Mal: „Die Fünf…und…fünfzig. Um Acht Uhr….Sechzehn.“ Im Anschluss teilte er dem ganzen Bus mit „Die kann ich gerade leiden“. Natürlich war es nur für seine Bekannte gedacht, aber dann muss er leiser sprechen. Seine Kurzhaarfrisur war mir aufgefallen, aber man rechnet ja nicht gleich mit dem Schlimmsten. Gemischte Blicke aus der restlichen Besatzung.

Ich kramte nach meinen Kopfhörern, aber hatte sie natürlich zuhause vergessen. Gefangen in einem Gespräch zwischen einem scheinbar NPD wählenden Busfahrer und seiner peinlich berührten Bekanntschaft musste ich alles mit anhören.
Der Einstieg in das Gespräche erfolgte mit dem üblichen und eher harmlosen „Alles gut bei dir?“ und der entsprechenden Antwort „Ja klar“. Danach folgte eine kurze Pause, da wir uns in Bewegung setzten. Ich wähnte mich in Sicherheit, als das Gespräch plötzlich aus dem Nichts rasant an Fahrt aufnahm. „Und, hast du wieder jemanden gefunden?“ Nach der Bejahnung durch die Gesprächspartnerin wurde hartnäckig nachgebohrt „Ist es was richtiges oder…?“ Der Busfahrer hatte ganz eindeutig Interesse, aber wollte erst die Grenzen abstecken. „Naja – reden wir nicht darüber.“ flüsterte die Mitfahrerin. Den Fahrer aber konnte nichts mehr aufhalten, so musste ich erfahren, dass sie ihrem Ex-Freund anfang alles noch verziehen hätte. An der Trennung hatte sie lange zu knabbern – es war nicht einfach nach einer so langen Zeit. Der Monolog des Fahrers zum Beziehungsverlauf der Bekannten wurde durch diese ab und zu mit einem „Ja“ oder „Genau“ bestätigt.
Die Ausführungen dazu gipfelten in einer äußerst treffenden Beschreibung des Verlaufes zwischenmenschlicher Beziehungen: „Erst seid ihr zusammen Bus gefahren, dann Moped und dann mit Auto…jetzt fahrt ihr gar nicht mehr zusammen.“ Ein Geniestreich. Besser kann man es nicht formulieren. Die Geschichte der Beziehungen wurde abgeschlossen mit einem „Jemand Neues, na das ist doch schön.“
Eine gewitzte Überleitung führt uns zum Thema Kinder, denn der neue Freund hat derer bereits drei. Scherzhafte Bemerkung des Fahrers „Dann seid ihr ja damit schon durch.“ Ihr Kind muss sie um vier aus der KITA holen, die bis fünf offen ist. Man stellt fest, dass das ein langer Tag ist. Der Busfahrer berichtet davon, dass der Kindergarten in Strahwalde deutlich bessere und vielfältigere Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder bietet – so vielfältig sogar, dass man früh nicht genau weiß was man einpacken soll. Schwimmhaube, Klavier, Feuerlöscher; alles ist möglich. Die Mitfahrerin antwortet verwirrt mit einem „Achso.“ Peinliche Pause.

Sie hat mal in Löbau in einem Kindergarten gearbeitet, aber das war zu unstrukturiert. Die aktuelle Stelle wird vom Fahrer nur grob umrissen „Du musst ja viel Abends ran.“ Die weiteren Mitfahrer denken sich Ihren Teil. Wahrscheinlich Nachtschicht an der Tankstelle. Oder? Ich spüre, wie der gesamte Bus sich die Tätigkeit auf verschiedene, wahrscheinlich freizügigere Weisen ausmalt. Selbst Passagiere, die vorzugeben ein Buch zu lesen, driften kurz in ihre Gedanken ab und starren nach rechts oben ins Leere.

Zurück zum Thema Ex-Freund, das den Fahrer scheinbar nicht zur Ruhe kommen lässt. Er kommt das Kind selten besuchen. Nachdem er ins Ausland gezogen ist, änderte sich die Wohnsituation dramatisch. Von Dorf in eine Zwei-Raum-Wohnung in der großen Stadt. Auf dem Dorf hatte sich einen mitwohnende Freundin auch schon an den Ex rangemacht. Sogar zugezwinkert soll sie ihm haben. Der ganze Bus denkt „diese Schlampe“. Die erste Wohnung in der Stadt war zu klein und zu teuer; ein Kind braucht sein eigenes Zimmer. Daher wohnt sie jetzt in einer Drei-Raum-Wohnung, die sie selbst bezahlen muss. Ihre Hartz-4-Zeiten sind lange vorbei.

Jetzt gibt es keine Tabuthemen mehr. Es wird enthüllt, dass es die Mitfahrerin auch mit zwei Kindern geschafft hätte, aber laut Fahrer wurde eins wohl „weggemacht“. Ich komme mir vor wie in einer Talkshow aus dem Nachmittagsprogramm. „Wer weiß wofür es gut war“, lautet das abschließende Fazit dazu. Wenigstens sei mit den Eltern wieder alles in Ordnung – da war ja auch mal was erinnert man sich. Die Passagiere sind nun interessiert und möchten am liebsten fragen „Erzähl weiter davon – was war denn da?“. Das kann man in ihren Gesichtern deutlich ablesen. In meinem liest man nur Scham und Langeweile.

Gerne würde ich weiter mitfahren und ärgere mich, dass ich schon aussteigen muss. Wie in einem guten Buch interessiert mich nun der Rest, da ich die erste Hälfte schon zwangsweise verfolgt habe. Aber leider lässt es sich nicht ändern. Ich hoffe für die Mitfahrerin läuft weiterhin alles so wie sie es sich wünscht und das sie nie wieder mit einem Busfahrer reisen muss, der zufällig ihre gesamte Lebensgeschichte als Monolog wiedergeben kann, während die restlichen Mitfahrer alles klar und deutlich hören und sich ihre Gedanken dazu machen können. Außerdem wünsche ich mir, dass ich ab sofort nie mehr meine Kopfhörer vergesse.

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