Der probiotische Tampon im gesellschaftlichen Kontext

Seit Neustem gibt es im Rossmann den probiotischen Tampon. Schon gesehen? Mir ist vor Aufregung beim Betrachten direkt linksdrehend schwindelig geworden. Aber ich konnte mich fangen und habe mich anschließend mehr oder weniger intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt.
Kann ich diesen probiotischen Tampon auch am Morgen in heißes Wasser hängen, wenn mir das Actimel ausgegangen ist, ich aber enormen Wert auf eine gesunde Darmflora lege? Ein Fädchen ist ja jedenfalls schon dran. Das kann dann wie bei einem Teebeutel über den Rand hängen zum bequemen Eintauchen und Herausziehen des geschmackgebenden Einhängsels. Eine Idee also, für die man nicht mal mehr nachbessern müsste – das Produkt ist bereits fertig konzipiert für diese Verwendung!

Ist dieser Tampon eventuell auch im Müsli gut aufgehoben? Natürlich. Was im Tee funktioniert, kann doch im Joghurt nicht schlecht sein. Einfach Beeren und Körner in die Schüssel, Joghurt oder Quark drauf und mit dem Tampon langsam und für etwa fünf Minuten umrühren. Die Probiotik springt sozusagen über auf die Inhalte der Schüssel. Seien Sie schon gespannt auf mein kommendes Kochbuch: „100 gesunde Gerichte mit Tampons“ oder „Tampons für mehr Pepp in der Küche“ – ich suche noch nach dem passenden Titel.

Warum gibt es noch keine probiotischen Zäpfchen, schließlich ist die Flora im Darm. Auf diese Art wäre man doch viel näher am letztendlichen Wirkungsgebiet. Es setzt eine sofortige Floraverbesserung ein, ohne Umschweife oder lästige Wartezeit. Vielleicht kann man auch zwei gleichzeitig und…lassen wir das.

Und bitte: Wer kommt auf dermaßen bescheurte Ideen? Was für eine Gesellschaft produziert Produktentwickler, die in ihrem Wahnsinn versuchen die besten Eigenschaften von Tampons und Actimel zu kombinieren? Wie lässt man sich inspirieren zu dieser Entwicklung? Gab es vielleicht einen verheerenden Unfall, der den Ausschlag für diese Entdeckung gegeben hat? Fragen über Fragen, die vorerst unbeantwortet bleiben müssen.
Die einfachste Antwort ist das allgemeine Streben nach mehr Lifestyle um jeden Preis und auf jedem Gebiet. Nächste Stufe: Der Smoothie-Tampon Mal mit Spinat und Banane als grüner Shake; mal als in Rot mit Beerenmix. Über die genaue Anwendung wird noch heiß diskutiert.

Zu diesem Thema hat mich ein sehr aufgeregter Leserbrief erreicht, und zwar noch bevor dieser Beitrag veröffentlich ist. So brisant scheint das Ganze zu sein. Außerdem können die Damen der Schöpfung sowieso mehr von Substanz zu diesem Thema beitragen – besonders zu verschiedenen Floren und dem korrekten Anwendungsbereich; Themen zu denen ich schon anatomisch keinen präzisen Einblick habe.

Actimel-Tampons: Der größte Vaginalskandal seit der Pille
Von Maria Timmler
Nichtsahnend stehe ich vorm Regal für Hygieneartikel im dm-Markt. Es ist wieder einer dieser unangenehmen Einkäufe: Kondome, Slipeinlagen, Tampons. Plötzlich fallen mir diese kleinen Dosen auf und ich denke zuerst: Mensch, wer lässt denn die Probepackungen für die Nahrungsergänzungsmittel bei den Tampons stehen? Doch beim genaueren Betrachten fällt mir auf: das sind Tampons, aber nicht irgendwelche, es sind probiotische Tampons. Probiotische Tampons? Sofort fällt mir das Produkt actimel ein und Jörg Kachelmann. Der alte Frauenversteher machte ja damals Werbung – für actimel, nicht für die Tampons, das wäre ja zu schön um wahr zu sein.

Die nächste Erinnerung zu dem Thema ist folgende: Actimel ist ein diabolisch teures Molkegetränk in Minifläschen, mit dem man keine Erkältung bekommt und besser kacken kann. Ist das jetzt auch der Effekt, der über meine Vagina erzielt werden soll? Bei dem Gedanken wird mir ganz übel. Ich verwerfe ihn sofort, das kann wohl unmöglich sein. Ich meine, was soll sie denn noch alles können: Männer beglücken, Kinder gebären, gesund machen und beim Kacken helfen? Das ist wohl zu viel des Guten.

Es geht um etwas ganz anderes, nämlich um Milchsäurebakterien, die meine Vaginalflora pimpen sollen. Nach genauerem Studieren der Verpackung sagt mir mein Laienwissen: Hier stimmt irgendwas nicht. Nach dem Studium der Bewertung von stiftung warentest weiß ich es: Dafür möchte ich kein Geld ausgeben, der Nutzen dieses Produktes ist noch unbekannt; und für ein Produkt, das nix nützt, gebe ich nicht so viel Geld aus.
Nachdem ich nun Tonnen an Zeit in die Erforschung der actimel-Tampons in Dosen gesteckt
habe und just in diesem Moment beim Schreiben dieses Textes bleibt mir nur eins: ich echauffiere mich und prangere an, wie immer.

Soweit ist es also schon, dass ich nicht einmal einkaufen gehen kann, ohne dass sogar meine Vagina zum Zielobjekt der Werbung wird. Diese nutzt Begriffe, die ich aus der Werbung kenne und die als positiv und nützlich in meinem Hirn hängen geblieben sind. Ja, was für den Darm gut ist, kann für meine Muschi ja nicht schlecht sein. Damit und mit so vielen anderen Mittelchen lockt ihr mich also. Gleichzeitig trauere ich der Zeit nach, in der die Frau Tampons einkaufen gehen konnte und nicht verzweifelten wie vor den unzähligen Sorten Erdbeerjoghurt. Der gravierende Unterschied beim Tamponkauf ist, dass es hier ja um ein viel sensibleres Thema geht, nämlich um mein Fortpflanzungsorgan und sein Wohlbefinden. Daher kann Frau für den schnöden Tamponkauf Unmengen an Zeit investieren. Sie studiert die Produktbeschreibungen genau und überlegt sich wie plausibel sie sind. Alles fing an mit diesen Tampons mit geschwungenen Rillen. Die würden sich besser an die Oberfläche meiner Scheideninnenwand anpassen und die Regelblutung direkt in den Kern des Tampons leiten. Nach längerem Überlegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Innere meiner Vagina sich nicht so anfühlt, als wäre sich „geschwungen rillig“ geformt. Dann kamen diese Tampons mit Flügeln. Flügel bei Binden für den besseren Halt kann ich bestens verstehen. Das war eine Optimierung des Wohlfühlerlebens, das ich bis heute nicht in Worte fassen kann. Aber was sollen diese Flügel denn bitte an einem Tampon? Und jetzt die Tampons, die man in actimel getunkt hat. Und wieder habe ich mir darüber Gedanken gemacht, ob das gesund ist und mir gut tut wie bei den bereits angesprochenen Erdbeerjoghurts. Die Mutter des Gedankens ist einfach, dass ich nichts in mich reinstecken möchte, was mir nicht zum Vorteil gereicht und das nutzt ihr aus, ihr Werbegenies.

Wie komme ich jetzt bitte zum Ende meiner Wut über diesen Quatsch, von dem ich mich in Drogerien und Supermärkten belästigt fühle? Vielleicht mit Selbstreflexion und der Erkenntnis, dass ich nicht ignorant genug für diese Gesellschaft bin. Ich sollte es so machen wie bei den Obdachlosen in der Einkaufspassage – dran vorbei gehen und so tun, als seien sie nicht da.

Quelle:
Stiftung warentest: „ellen Probiotic Tampon: Kaum plausibel.“ https://www.test.de/ellen-Probiotic-Tampon-Kaum-plausibel-1688651-0/ (aufgerufen am: 22.05.2016, 18:31 Uhr)

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