Die Schrecken des Vater-Seins in drei Episoden

Ein Kind ist wie ein Mixer. Der keinen Deckel hat. Und immer an ist. Man hat also immer Arbeit damit und was man hinein gibt, kommt auch wieder raus. Sabber am Mund, vollgeschissene Windeln, erhöhter Platzbedarf in engen Gängen durch Kinderwagen, die Transformation in einen wandelnden Feuchttuchspender. Ungläubige Blicke fremder Menschen, eingeschränkte soziale Kontakte, aufgeben der eigenen Würde und aufnehmen der Kindersprache. Wie es in Wirklichkeit kommt, kann man sich nur schwer ausmalen und meistens kommt es anders als man denkt.

Episode 1

Würde ist ein Fremdwort für mich. Wo wir gehen und stehen ist Sabber oder fallen Kekse und Nuckel zu Boden. Wo wir essen, klebt mehr Nahrung am Kind und an mir als in den Magen kommt. Was oben reinkommt, kommt unten wieder raus. Ich lache dümmlich über Kleinigkeiten und würde sogar mit einem breiten Grinsen und einem lauten „Hui“ in einen Tümpel heißer Lava springen, um mein Kind zum Lachen zu bringen. Ich schaue Kindersendungen im Fernsehen und lache stundenlang über die lustigen bunten Figuren. Meine einstige Eloquenz ist zur Babysprache verkommen. Ich spucke in Taschentücher und wische damit Wangen ab. Ich säubere Breikleckse im Gesicht des Kindes mit meinem Daumen und lecke ihn danach ab. Huttis die in den Dreck gefallen sind mache ich keimfrei, indem ich sie mir in den Mund stecke. Auf Spielplätzen setze ich mein Kind auf die Schaukel und warte dann darauf, dass es wie immer anfängt zu heulen. Wenn es dann anfängt zu heulen, setze ich mich dazu und wir schaukeln gemeinsam. Ich lache dabei, denn Schaukeln macht Spaß und werde dafür kritisch von den Jugendlichen beäugt, die auf dem Spielplatz Bier trinken und Bushido aus Handylautsprechern hören. Schaukeln ist langweilig – wir gehen auf die Rutsche. Ich setze Kind abrutschbereit an den Start und es fängt wieder an zu schreien und traut sich nicht. Also nehme ich auf dem Gerät Platz, während sich andere Kinder schon vorbeidrängeln, und gebe ihm einen kleinen Schubs. Vergnügt quietschend rutscht es und steht schon wieder hinten an – ich sitze nun alleine auf der Rutsche. Wenn ich schon einmal hier bin, dann ziehe ich es auch durch. Mit angezogenen Beinen geht es abwärts. Bei mir quietscht nur das Plastik der Rutsche. Die anderen Eltern tuscheln und zeigen auf den Mann der offensichtlich alleine rutschen wollte. Meine Füße stecken schon unten im Sand, aber mein Hintern sitzt quasi noch am Start. Mit hochrotem Kopf steige ich seitwärts von der Rutsche, mache mir die Hose sauber und setzte mich unbeeindruckt auf eine Bank. Wenigstens so lange bis der nächste Einsatz ruft.

Episode 2

Ich kleide mich nicht mehr stylisch. Gesellige Abende muss ich öfter absagen. Grund: Kind. Wenn ich eine Einladung mal wieder verneine, schallen mir Gelächter und nachgemachte Peitschengeräusche entgegen. Ich rede mir ein, dass es mich nicht stört, aber das tut es natürlich. Manchmal trage ich Freitagabend auch ein Lätzchen, anstatt Bier zu trinken, aber das wird niemand erfahren. Mit fortschreitender Entwicklung des Zöglings traut man sich dann aber auch Einladungen anzunehmen. Sollte es einen Ausgeh-Abend geben, sind einfache Jeans Geschichte. Ich brauche eine bequeme Hose mit vielen großen Taschen, damit das Arsenal an Feuchttüchern und anderem Zubehör Platz findet. Dazu trage ich stilsicher mein Kind in einem Gestell vor der Brust. Das ist pragmatisch, denn es spart Platz und man muss sich nicht mit Wagen durch enge Gänge quälen. Außerdem hat man die Hände frei und kann im Notfall auch problemlos ein Urinal benutzen. Das Kind wird oben mit einer Hand abgelenkt, während man unten sein Geschäft verrichtet. Ein anöver das an Effektivität und Überlegtheit kaum zu übertreffen ist. Kindern wird in einer Bar schnell langweilig, denn sie dürfen ja noch kein Bier trinken. Das führt, wie alles andere auch, früher oder später zu Geschrei. Gott sei dank haben sie das Gedächtnis eines betäubten Toastbrotes und so schnell wie sie zu Schreien anfangen, haben sie Dank meiner extraordinären Ablenkkünste vergessen warum und lachen wieder. So vergeht der Abend: Bier in der einen Hand, rumgefuchtel zur Ablenkung mit der anderen. Manchmal gelingt so das Bar-Experiment, manchmal aber auch nicht. Später am Abend finde ich mit schreiendem Kind im Arm im Schlafzimmer wieder. Während ich versuche es zum Schlafen zu bewegen, merke ich wie sich der erste, mühsam angetrunkene Glühstrom seit Wochen in Wohlgefallen auflöst. Scheiße.

Episode 3

Wir trauen uns mittlerweile größere Ausflüge oder Fahrten ohne die Mutter. Als wir durch einen Park flanieren, bricht plötzlich das Unheil herein. Angekündigt durch einen furchterfüllten, angestrengten Blick und eine Art Donnergrollen. In der Luft liegt der Duft des großen Geschäftes. Ein Shitstorm im althergebrachten Sinn. Da die Mutter dank meines Wagemuts nicht zu greifen ist, muss ich ran. Voller Angst traben wir zur nächsten öffentlichen Toilette, die über einen winzigen, fensterlosen Wickelraum verfügt. Im OP-Licht der Kammer des Schreckens offenbart sich nach Abnahme der Windel das Ausmaß des flüssigen Elends. Konsistenz: geschmolzene Schokolade mit teilweise groben Stücken. Der flüssige Aggregatzustand der Masse ermöglichte es ihr sich weit über die Grenzen der Windel in alle Himmelsrichtungen auszubreiten. Der Rücken war zur Hälfte in der Masse eingehüllt und die Beine fast komplett. Vor Aufregung rollte sich das Kind hin und her und bedeckte dadurch auch noch den restlichen Körper. Hände, Flanken, Gesicht und die Wände des Wickelraums bekamen was ab. Folgerichtig auch meine Hände und Klamotten. Ich machte mich an die Arbeit und der wachsende Feuchttücherhaufen neben mir war Zeuge des Kampfes. Inzwischen hatten wir beide mindestens eine Kleidungsschicht angelegt oder gewechselt. Langsam wurde es wieder hell. Ich wusch mit zum gefühlt 136. Mal die Hände. Ein Blick in den Spiegel offenbarte, dass auch mein Gesicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ich hatte einen Kackefleck auf der Wange – der Gipfel der Demütigung. Ich machte mich sauber und wir verließen den Raum der Schande als andere Menschen. Wir hatten Dinge gesehen, die niemand sehen sollte. Wir hatten den Blick von Kriegsveteranen. Solche Extremsituationen verändern einen Menschen grundlegend – auch wenn das Kind das Massaker wahrscheinlich schon wieder vergessen hatte. Seit diesem Tag zuckte ich bei jedem Fürzchen ängstlich zusammen. Eine Explosionwindel hinterlässt tiefe Spuren.

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