Zum Einstieg ein Geständnis: Ich habe ein Handy (sic) mit Rubbelkarte. Einmal im Monat 15 Euro aufgeladen und wenn das Geld alle ist, ist auch Schluss mit anrufen oder SMS schreiben. Die Internetfunktion, die gerade so schon vorhanden ist, habe ich nur einmal aktiviert. Vergessen die Tastensperre einzuschalten und weg war die letzte Aufladung.

Natürlich gibt es längst keine Handys mehr – es gibt nur noch Smartphones. Handys holte man aus der Tasche, wenn man eine SMS schreiben oder jemanden anrufen wollte, ansonsten blieben sie versteckt. Einmal im Monat angesteckt zum Laden. Gute alte Zeiten. Im Gegensatz dazu legt man Smartphones teilweise nur noch aus der Hand, wenn man beide Hände für eine andere Tätigkeit benötigt oder gerade duscht. Die aussterbende Gattung Handy, einst der Höhepunkt der technischen Leistungen des Menschen, scheidet dahin. Mit all ihren schönen Tasten, mono-/polyphonen Klingeltönen und Snake als einzigem Handyspiel in damals berauschender Grafik.

Smartphones machen uns den Alltag leichter, unterstützen uns im täglichen Leben und vernetzen uns jederzeit mit Freunden. Sie sind der beste Freund des Menschen geworden, aber es gibt bestimmt auch eine App, in der man seinen virtuellen Hund versorgen muss (Stichwort Tamagotchi). Man weiß immer wo sich ein Freund gerade befindet und kann sich jederzeit verabreden. Vorbei sind die Zeiten, in denen am Abend spontan ein Freund zum gemütlichen Beisammensein vorbeikam. Heute macht man sich vormittags ein Treffen aus und starrt dann am Abend gemeinsam auf das Display, tauscht die neusten Apps oder stöbert auf YouTube. Manchmal sitzt man auch nebeneinander und jeder starrt auf sein eigenes Display – das Ergebnis ist das Gleiche. So sitzt man also da und ist innerlich angespannt, wann denn die nächste Meldung hereinkommt, damit möglichst schnell auf “Gefällt mir” drücken.

Früher ging es nicht um die Erfahrungen, die man im Internet teilt (denn das Internet war kaum geboren), sondern um die Erfahrungen, die man selbst macht und durch die echte Freundschaften entstehen. Kein leichtfertig hinzugefügter Krempel. Geht raus, betrinkt euch, wacht mit Kater auf und erzählt es keinem. Mal etwas Verrücktes machen. Geht am gleichen Abend zu einem Freund vom Vorabend (ihr werdet euch ja nicht alleine betrinken) und versucht euch gemeinsam an den letzten Abend zu erinnern – natürlich ohne Handy – ihr werdet sehen, dass es sich lohnt. Und wenn nicht, wart ihr wenigstens Mal wieder richtig betrunken.

In Bussen und Bahnen sind die Gesichter meist nach unten gerichtet und der Rücken gekrümmt – das Smartphone beeinflusst auch den Körperbau. In der Stadt tritt man in Pfützen oder Hundescheiße, weil man eine Nachricht lesen muss; rennt gegen andere Leute, weil man gerade ein Foto teilt; oder begeht ähnliche Fehltritte, weil man irgendetwas anderes herumgefummelt hat. Was würde denn passieren, wenn man mal einen Tag ohne Smartphone aus dem Haus geht? Nichts. Abends würde man alle Neuigkeiten berichtet bekommen und nach jedem Satz käme die Frage “Hast du das nicht auf Facebook gesehen? Du hast doch ein Smartphone.” Das ist zwar nervig, aber so kann man sich die dringend notwendige menschliche Interaktion einfordern und sie erzwingen.

Wir müssen uns nichts mehr merken, denn unser Smartphone weiß alles. Es sagt uns, wo die nächste Tankstelle oder das nächste Restaurant ist, es gibt Bescheid, wenn wir alle Punkte unser virtuellen Einkaufsliste abgearbeitet haben; es meldet sich, wenn ein Zahnarzttermin ansteht. Der persönliche Sekretär für die Tasche. Menschliche Interaktion gleich null. Das Telefonbuch wird gar nicht mehr abgeholt, oder fliegt direkt in den Müll. Für meine Oma war es noch sein Gewicht in Gold wert. Alle wichtigen Nummern vereint; heute gibt es Google, da findet man auch die Nummern, die man niemals brauchen wird. Kinder werden also immer dümmer, aber immer begabter in der Bedienung mobiler Geräte.

Ein weit verbreitete Plage ist natürlich auch der Missbrauch derartiger Geräte zum Abspielen von Musik, die niemand hören will. Jugendlich, die denken, ihre Musik wäre das Nonplusultra und jeder müsste sie hören, kommen dahergeschlendert, begleitet von Sido, Buschido oder elektronischem Geschrammel. Und das, obwohl eine Buchse für Kopfhörer vorhanden wäre. Vor allem am Morgen, wenn man nur auf den Bus wartet, ist die Lärmbelästigung besonders nervtötend. Vermutlich fühlen sich die Halbstarken dadurch sicherer beim Gang durch die Stadt – ähnlich der Musik in Filmen, wenn der Protagonist zu großen Taten schreitet. Nur das sie in die Schule oder Bier kaufen gehen. Wäre ich reich, hätte ich immer einen Rucksack voller Kopfhörer im Gepäck, die ich an Bedürftige verschenken würde.

Der Missbrauch und die falsche oder zu häufige Verwendung kommen in vielen Formen daher und letztendlich halten sie sich in ihrer Unangemessenheit die Waage. Ich rufe natürlich nicht dazu auf, die Geräte (oder gar die jugendlichen Missbraucher der Lautsprecher-Funktion) auf einem Scheiterhaufen auf dem Marktplatz zu verbrennen, sondern lediglich dazu, sich die Zeit zu nehmen und die anderen Sklaven ihrer Smartphones zu beobachten. Am Ende wird bei jedem die Feststellung eintreten, dass man selbst so nicht enden will. Lautsprecher-Benutzer sollte man in jedem Fall wenigstens anschreien und ihnen das Gerät, notfalls gewaltsam, entwenden. Kleine Schritte helfen schon viel weiter. Weg von einer Gesellschaft, in der in zehn Jahren prophylaktisch jedem Neugeborenen ein Smartphone an die Hand gepappt wird.

Neulich hat mich eine scheinbar Stadtfremde nach dem Weg gefragt. Das muss sich für einen Smartphoner mit Navigations-App seltsam anhören. Wir sind also ein Stück zusammen die Straße entlang gegangen und ich habe ihr den Weg erklärt. Völlig smartphonefrei. Danach sind wir beide glücklich getrennter Wege gegangen. Ein angenehmes zwischenmenschliches Erlebnis ohne Computer-Schnickschnack

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