Es ist eine einfache Gleichung, die aber immer aufgeht: Je leerer der Kühlschrank, desto heller das Licht. Wahrscheinlich damit man besser sehen kann wie wenig man wirklich hat. In seinem Fall blieben nurmehr eine braune Banane, zwei Scheiben alte Salami und eine angefangene Tube Tomatenmark übrig.
Tomatenmark kauft man pseudomäßig immer nur für ein Gericht und der Rest bleibt bis ans Ende seiner Tage in einer dunklen Ecke des Kühlschranks. Jetzt gibt es keine dunklen Ecken mehr. Alles kommt ans Licht. Er war zwar kein Spätaufsteher, aber auch kein großer Frühstücker. Der erste große Hunger kommt gegen Elf und dann hielt er meist noch bis zum Mittag aus und ging auf Nahrungssuche. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Er musste in die Hölle, die man landläufig Supermarkt nennt. Einmal unterwegs würde er noch schnell in der Drogerie halt machen und Rasierklingen kaufen, obwohl die immer viel zu teuer sind. Ohne geht aber auch nicht. Schnell noch die Jogginghosen gegen eine Jeans eingetauscht und Jacke und Schuhe übergestreift und es kann losgehen. „Fünf vor halb Zwölf – dann werde ich spätestens gegen 12 Mittag alles erledigt und Mittag auf dem Tisch haben“, dachte er sich. Gott sei Dank war in der Kleinstadt alles nah beieinander. Kurze Wege.

Erster Halt: Supermarkt. Geplante Aufenthaltszeit: 15 Minuten. Der Parkplatz verhieß nicht gutes. Viel zu viele Autos und viel zu wenig verbliebene Einkaufswagen. Aus Erfahrung ging er nur mit Tasche einkaufen, zumindest bei kleinen Sachen. Einkaufswagen konsumiert kostbare Zeit. Irgendeiner hält dort immer den Verkehr auf indem er den Wagen nicht rausziehen oder reinschieben kann, minutenlang nach einer Münze sucht und dabei natürlich vor der Einfahrt im Weg steht, oder ewig an den Dingern rumfingert die man seinen Wagen steckt damit die Münze wieder rauskommt. „Wie die wohl heißen?“, fragte er sich.
An den Pfandautomaten am Eingang waren wie fast immer die Pfandpiraten zu Gange. Entweder die Pfandpiraten oder die Faulen, die nur einmal im halben Jahr Flaschen wegschaffen gehen. Seine zwei Plastebierflaschen ließ er in der Tasche. Schande genug das er sie überhaupt kaufen musste, aber damals war Not am Mann und der Supermarkt war der kürzeste Weg. Für 50 Cent zwei Stunden am Pfandautomaten stehen kam nicht in Frage, auch wenn er das Geld in sein Budget eingerechnet hatte. Ein erneutes Nachzählen ergab ziemlich genau 4,50 Euro. Davon sollte sich ein Mittagessen zusammenschustern lassen. Nudeln, Wurst, Käse, Ketchup – fertig.
Am Anfang räumte er wie immer eine Kiste leer um seinen Einkauf hineinzustapeln und hoffte, dass sich die Verkäufer bei Neuordnen der rausgelegten Ware auch mächtig ärgerten. Er ging seine übliche Runde durch den Markt, wie immer mit den üblichen Hindernissen und Ärgernissen. Kleinkinder die wie ein Metronom „Mama“ rufen und irgendeinen Firlefanz oder Süßkram von Mama haben wollten, den Mama natürlich nicht kaufen wollte, was dazu führt, dass Mama die Konsequenzen des Nicht-Kaufens tragen musste: Noch mehr Krach und Geheule. Er war ein guter Beobachter und machte sich über vieles seine Gedanken, sprach aber wenige davon aus, da ihm alles zu offensichtlich erschien. Außerdem waren die Gedanken in vielen Fällen wenig gesellschaftsfähig. Gedankenverloren lief er weiter und stieß beinahe in ein eigentlich unübersehbares Hindernis.
Eine Frau kapitalen Ausmaßes beäugte die Salattheke. „Nur angucken. Die kauft doch sowieso nichts davon – da ist doch gar kein Zucker drin“, dachte er sich. Ein Blick in den Wagen bestätigte seine Vermutung: Das absolute Zuckerlager. Cola, Süßkram, Fertigscheiß – da wundert einen nichts mehr. Könnte sich ebenso gut 6 Packen Zucker in den Wagen laden und den im Wechsel Essen und Trinken. Würde auch nichts ändern. Im Gegenteil sogar, würde es vieles erleichtern. Es wäre nicht nur billiger, sondern auch zeitsparender: Die Kassiererin müsste nur auf die entsprechende Zahl ihrer Tastatur drücken und ein Päckchen Zucker abpiepen. Fertig. Stattdessen kaufte sie 50 verschiedene Artikel, die nacheinander abgepiept werden mussten und letztendlich doch den gleichen Zweck erfüllten. Wahrscheinlich wusste sie es nicht besser. An der Zuckerfrau vorbeigeschlängelt ging er weiter, direkt auf ein scheinbar unüberwindbare Hindernis zu: Den Supermarkt-Rentner.

Alles dauert zu lange, geht zu langsam. Ob bezahlen oder Wagen ein- und ausräumen. Am schlimmsten aber war sein Fall. Den Wagen halb quer im Gang stehen haben – rechte Hand immer am Griff, falls einer das gute Stück stehlen wollte – stand dieser ältere Herr im für ihn lesefreundlichen Abstand zum Regal und studierte in aller Seelenruhe die Wurstpreise. „Müsste man eigentlich mal von Hinten so erschrecken, dass er ins Regal hüpft. Dann wäre Platz. Mist, schon wieder nicht gesellschaftsfähig.“, dachte er sich. Er wollte sich eigentlich weniger solche Gedanken machen, aber die Möglichkeiten und Begegnungen, die geradezu danach schrien waren in ihrer Zahl zu hoch und in ihrer Qualität zu gut. Gerade wenn er dachte er würde es schaffen, trat wieder einer dieser Fälle vor ihn oder er kam in eine Situation in der politische Korrektheit einfach unangebracht war. „So. Alles da. Schnell raus hier.“, sagte er zu sich und steuerte auf die Kasse zu.
Wie immer war nur eine der drei Kassen besetzt und die Schlange war schon ziemlich lang. Er trat nervös auf der Stelle, als ob er es eilig hätte, dabei war es ihm eigentlich egal. Die Kassiererin betätigte die Klingel und das verheißungsvolle Geräusch ertönte im ganzen Markt. „Sie können sich schonmal an Kasse Drei anstellen. Der Kollege kommt gleich“ teilte die Kassiererin den Wartenden mit. Plötzlich kam Bewegung in die Sache. Jeder wollte der Erste an Kasse Drei sein. Alle hatten es furchtbar eilig. Einige es furchtbar eilig und auch nur zwei Artikel. Ein kaltschnäuziger Rentner hatten am schnellsten geschalten und seinen Wagen geschickt allen anderen in den Weg manövriert und somit den ersten Platz an Kasse Drei ergattert. Innerhalb eines Augenzwinkerns war die Schlange an Kasse Drei länger als die an seiner Kasse. Er wusste aber genau was los und wie hier alles ablief.
Als quasi Supermarkt-Veteran und scharfäugiger Beobachter konnte er die Kassenwechsler nur bemitleiden. Als würde man bei „Eins, Zwei, oder Drei“ kurz vor Schluss noch auf das nächste Feld hüpfen und wenn das Licht angeht, steht man falsch. Beim ersten Mal war auch er einer der Trottel, die die Kasse gewechselt hatten. Er merkte aber schnell, dass das Klingeln keineswegs einen hilfsbereiten Mitarbeiter dazu veranlasste zur Kasse zur sprinten und Rekordzeit Kunden abzufertigen. Einmal klingeln bedeutet nur soviel wie „Wäre schön wenn du dann mal kommen könntest“. Er hatte schon alle Abstufungen miterlebt die es gibt, bis hin zum finalen Sturmklingeln. Die armen Trottel an Kasse Drei hatten schon das Band beladen und sahen sich hilflos nach dem ersehnten Kassierer um.

Er war vom vorletzten Platz mittlerweile schon auf die zweite Position vorgeschossen und konnte sich daher ein Lächeln Richtung Kasse Drei nicht verkneifen. Eine alte Frau hatte ihn vorgelassen – sehr freundlich. Selbst ließ er selten jemanden vor. Wer es im Supermarkt eilig hat ist selber Schuld. Nicht mal auf Nachfrage kam es in die Tüte jemanden vorzulassen. Einzige Ausnahme wäre eine Person die nur ein Toastbrot und das Kleingeld dafür schon passend in der Hand. Er war dran. Die ganze Zeit hatte er im Kopf mitgerechnet, ob sein Budget ausreichen würde. „3,95 bitte“. Gott sei Dank! Mit den Worten „Danke, Rechnung brauche ich nicht.“ Verabschiedete er sich aus dem Supermarkt, während der Kassierer für Kasse Drei gemächlich auf die erbosten Kunden zugeschlürft kam. Hat scheinbar gerade ein Schläfchen gemacht. Der Fußweg zur Drogerie dauerte eigentlich nur zwei Minuten, mit Verkehr aber meist länger. „Warum sind die nicht alle arbeiten, sondern gurken mir im Weg rum?“, fragte er sich. Endlich angekommen.

Die Drogerie – der Super-Gau für jeden, der nur schnell Rasierklingen will. An den Kassen immer zu viel los, die Gänge noch enger als im Supermarkt und als Gipfel allen Übels auch noch gespickt mit einer Mischung aus Rentnern mit Sicherheitsabstand zu den Regalen um Preise zu vergleichen und Kinderwagen. Überall Kinderwagen. Furchtbar. Er schlängelte sich behände um die im-Weg-Steher zu den Rasierklingen. Vorbei an Leuten, die nach der richtigen Zahnpasta suchen und dann doch die Gleiche kaufen, die sie seit 10 Jahren benutzen. Vorbei an Frauen die sich partout nicht für die richtige Farbe ihrer Tönung entscheiden konnten. Vorbei an Rentnern die für ihre Haustiere säckeweise Futter, das immerhin im Angebot war, einluden um für die kommenden Wochen ohne Angebote vorzusorgen. Rasierklingen gefunden ab zur Kasse. Vorbei an Frauen, die sich für das richtige Putzmittel entscheiden konnten. Vorbei an Rentnern, die vor dem Fotoausdrucker ihre Brille rauskramten und dann doch eine Verkäuferin holen müssen, weil sie nicht wissen wie rum der USB-Stick angesteckt wird. Beide Kassen besetzt. Traumhaft.
Links zwei Rentner mit Katzenfutter, das für die kommende Generation reichen könnte. Rechts eine junge Frau mit Tampons und Shampoo und Frau mit Kinderwagen, die nur Klopapier in der Hand hielt. Zeitgleich mit einem weiteren Herrn ging er auf die Kassen zu. Er wusste genau wo er hin wollte; sein Wissen um Drogerien und Supermärkte half ihm einmal mehr. Er schritt Seite an Seite mit dem anderen Herrn auf die Kassen zu und bog dann zu den alten Damen ab. Der Mitbewerber wunderte sich, lächelte und stellte sich mit seinem Körbchen hinter den Kinderwagen.
Die erste Frau an seiner Kasse war fertig, ebenso wie die Dame mit den Tampons an der anderen Kasse. Showdown. Er hatte auf das richtige Pferd gesetzt, da war er sich sicher. Er hatte zu viele alte Frauen und Kinderwagenfahrerinnen beobachtet um Anfängerfehler zu begehen. Die Kassiererin schaute die alte Frau an seiner Kasse an und fragte: „Sind die alle aus dem Angebot?“ Die Rentnerin antwortete: „Ja, das müssten genau 40 sein. Eine kostet doch 50 Cent oder?“ Wie alle Rentner sprach sie Cent als Zent aus, aber das spielte jetzt keine Rolle. Die Frau an der Nebenkasse hat natürlich die Zeit damit verschwendet den Kinderwagen erstmal richtig zu parken und schmiss das Klopapier aus Band. Zeitgleich sagte die Kassiererin an seiner Kasse die magischen Worte „Das macht dann Zwanzig Euro“. Die alte Dame antwortet: „Ich weiß. Zettel brauche ich nicht. Danke.“

Er war an der Reihe. Piep. „Das macht 17,95. Mit Karte? Bitte Pin eingeben und mit Grün bestätigen. Danke. Zettel? Nein? Okay. Auf Wiedersehen.“ Er war fertig. Als erster über die Ziellinie. In der Zwischenzeit hatte sich an der anderen Kasse genau das abgespielt, was er erwartet hat. Die Kinderwagen-Frau hat aus jeder erdenklichen Ecke, Tasche und Ablage ihres Gefährtes noch etwas herausgekramt und war sich immer noch nicht ganz sicher ob sie nicht noch was irgendwo vergessen hat. Nicht das der Alarm losgeht wenn sie nach draußen will. Als die Verkäuferin anfing die vielen kleinen Sachen abzupiepsen war er schon halb zur Tür raus und war noch einen Blick auf seinen, auf ganzer Linie geschlagenen, Widersacher zurück. Eine Einkaufstour voller Erfolge schien es zu sein.

Ein Blick auf die Uhr verriet, dass es inzwischen doch schon dreiviertel Eins war. Schnell Einkaufen funktioniert nie, außer man geht erst um Sieben, dann sind die ewigen Hindernisse aus dem Weg die so unendlich viel Zeit und Nerven kosten. Wieder zur Tür rein entlud er seine Beute in den Kühlschrank, der nicht besonders voller aussah. Egal – er hatte Hunger. Aber irgendetwas stimmte nicht. „Verfluchte Scheiße“ entfuhr es ihm. Er hatte den Ketchup vergessen und einen alten Einkaufzettel gefunden, auf dem stand: „Alufolie, Olivenöl, Salz, Klosteine, Drogerie: Entwickelte Bilder abholen!!!“. Zwei Stunden Einkaufstortur umsonst.
Nudeln ohne Salzwasser und Ketchup? Durch die Drogerie gekämpft, in der Hoffnung erst in zwei Monaten wieder dorthin zu müssen, wenn die neuen Klingen restlos stumpf über die Haut poltern. Nichts war. Er zog sich die Schuhe wieder an und machte sich erneut auf den Weg. Diesmal mit dem Zettel und einem Stift zum Abhaken. „Hoffentlich ist Kasse Drei noch offen.“

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