Was könnte schöner sein, als ein abendliches Treffen mit alten Schulfreunden, die man schon lange nicht mehr gesehen hat? Er hatte Urlaub und war gerade vom Einkauf heimgekommen. Für den Tag war nichts weiter geplant, außer das Treffen am Abend. Ein paar Bier, ein paar alte Geschichten und ein paar Neuigkeiten. Der mittlerweile notwendige Blick auf Facebook ließ sich nicht vermeiden. Eine neue Freundschaftsanfrage: Andreas Peschel.

Er sinnierte einige Momente über den Namen und das zugehörige Foto, auf dem nur wenig zu erkennen war. Andreas Peschel. Sie hatten damals zusammen Abitur gemacht, aber weil es ein großer Jahrgang war, hatten sie nur wenig miteinander zu tun. Waren sich zum ersten Mal in der Raucherecke in der elften Klasse begegnet. Andreas war nicht der größte Trottel, aber auch nicht das hellste Licht – eine Freundschaft auf Facebook war nicht besonders erstrebenswert, aber auch nicht übermäßig lästig. Ungewöhnlich, dass gerade er sein Freund werden will.

Virtuelle Freunde hinzufügen geht schnell und tut keinem Weh. Nicht einmal der Verlust eines solchen Freundes würde groß auffallen. Er nahm anfangs nur Personen an, die er guten Gewissens als Freunde bezeichnen konnte, musste aber relativ schnell feststellen, dass es dies nur schwer durchzuhalten war. Mit virtuellen Freundschaften verhält es sich wie mit Socken: Wenn man zum Geburtstag zwei Paar geschenkt bekommt, beschwert man sich nicht. Man hat lieber ein Paar mehr in der Hinterhand, falls beim nächsten Waschgang wieder drei oder fünf verschwinden. Und so gesellten sich zu den echten Freunden zügig halbe Freunde, Dorfbekanntschaften, die man längst vergessen hatte; und Freunde, mit denen man bei gelegentlichen Treffen auf der Straße zwar kein Wort wechselt, bei denen man aber unangenehme Unterhaltungen über die virtuelle Nicht-Freundschaft vermeiden wollte, falls man ihnen doch mal begegnet. Andreas Peschel war angenommen. „Mal sehen, wie sich das entwickelt.“

Er schrieb prinzipiell jedem ’neuen‘ Freund etwas auf die Pinnwand. Eine Erinnerung, die sie teilten, eine Geschichte, die sie gemeinsam erlebt hatten, um den Vorgang des schlichten Hinzufügens etwas persönlicher zu gestalten. Zu Andreas fiel ihm nichts ein. „Haben mal eine zusammen geraucht.“ Er hielt es lieber allgemein mit „Hallo Andreas. :)“ Eine Reaktion wartete er nicht ab, sondern ging dem Tagesgeschäft nach: Wohnung aufräumen, Wäsche waschen und so weiter. Im Laufe des Tages erhielt er von Andreas keine Antwort, sondern ein Dutzend Spieleanfragen, die allesamt verneint und blockiert werden wollten. Bei jedem neuen Blick leuchteten auch neue Anfragen auf. Er sah sich genauer auf Andreas‘ Seite um: Ihm gefielen abwechselnd Tittenbilder, Fotos mit lustigen Tieren und Schlaumeiersprüche, die seltsamerweise als Foto gepostet werden mussten. Wenn Andreas mal einen Status verfasste, dann ohne Punkt und Komma, aber gerne mit Rechtschreibfehlern en masse. Schnell weg hier. Keine guten Aussichten.

Endlich wurde es Abend und endlich konnte er in die Bar gehen. Auf dem Weg zum Klo dachte er noch: „Treffen mit echten Freunden vergehen wie im Flug; ein Treffen mit Andreas Peschel wäre zäh wie Kaugummi. “ Er hatte den Gedanken noch nicht richtig zu Ende gebracht, da sah er Andreas in einer Ecke sitzen, der auch mit einigen Freunden da war. Er versucht Andreas möglichst penetrant zu fixieren, damit er ihn bemerkt und sie ‚Hallo‘ sagen können. Ein kurzer Blick von Andreas war das Einzige. Keine Reaktion. Nicht einmal ein Lächeln. Nichts. Auf dem Rückweg das gleiche Spiel. Seltsam. Er ging an diesem Abend noch zweimal zum Klo und somit auch an Andreas vorbei. Trotz mehrmaligem Augenkontakt passierte nichts. Als Andreas die Bar verließ und an seinem Tisch vorbeikam, bickte er verstohlen in eine andere Richtung. Das war’s. Er genoss den Abend in vollen Zügen und torkelte gemütlich angetrunken nach Hause. Er hatte nur noch eine letzte Aufgabe: Andreas Peschel muss gelöscht werden.

Mit einem zugekniffenen Auge gab er sein Passwort ein und wollte schon aufgeben, als er sich zum zweiten Mal vertippte. Er suchte nach Andreas, drückte den Knopf der Befreiung und bestätigte dies gerne. Zufrieden ließ er sich ins Bett fallen und stellte vorsichtshalber eine Fuß raus. Er wachte am nächsten Morgen mit einem Kater auf. Gegen Mittag war wieder halbwegs nüchtern und raffte sich auf. Nach dem Essen warf er einen ersten Blick auf Facebook. Keine Spieleanfragen, nur eine neue Nachricht. Andreas Peschel. „ich dachte ihc hätte dich schon lengst hnizugefügt ;)“

Er antwortete: „Lieber Andreas, Wir kennen uns zwar flüchtig aus der Schule und sehen uns ab und an auf der Straße, aber das war auch schon alles. Ich füge nicht mehr willkürlich Leute hinzu, die ich dann vor Freunde nennen muss, obwohl es mir vor echten Freunden peinlich ist, diese virtuelle Freundschaft zuzugeben. Wenn diese Facebook-Freunde dann nicht mal den Anstand haben mich zu grüßen (siehe Bar gestern), dann bestätige ich auch gerne den Löschvorgang. Mach’s gut.“
Er wurde ab sofort von Andreas auf der Straße gegrüßt – das konnte natürlich nichts mehr an der Grundsituation ändern.

Bild: Barbara Müller-Walter

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