Schule – Hausaufgaben – rausgehen spielen. Gute Zeiten. Der Tagesplan eines Kindes ist wahrscheinlich der Schönste, den man sich vorstellen kann.

Auch wenn er den eigentlichen Wert des Mittagsschlafes erst viel später erkennen sollte und dazu gezwungen werden musste. Die einzigen Pflichten die er hatte waren Hausaufgaben und Geschirr spülen. Und Mädchen waren noch doof – das vereinfachte vieles.

Nach dieser Zeit des schwerelosen Lebens folgen bei einer typischen Dorfjugend, wie er sie erfahren hat, die goldenen Jahre. Zwischen Fünfzehn und Zwanzig, ist das Leben generell von den drei K’s bestimmt: Kribbeln, Kotzen, Kapriolen. Wenn man nicht mangels Alternativen in eine örtliche Außenstelle der Hitlerjugend abrutscht. Er hatte Glück. Das allererste Kribbeln ist vergangen und möglicherweise auch schon die allgemein bekannte „erste große Liebe“ – idealerweise stellt sich in dieser Zeit aber das zweite Kribbeln ein, wenn man herausfindet, das man ein „Mädchen“ auch noch an anderen Stellen als der Hand berühren kann und dies auch ausprobiert.
Nach der lustlosen Zurkenntnisnahme der Informationen in der Schule blieb genügend Freiraum für dorftypische Jugendaktivitäten: Von ziellosesem Fahrrad fahren, Computerspiele spielen, verschieben sich die Interessen relativ schnell zu Besuchen des nächstwohnenden Mädchens – natürlich mit dem Fahrrad. Ein Unterfangen, das an Spannung nur schwer zu übertreffen ist.
Außerdem bieten die regelmäßig eingestreuten Ferien noch mehr Zeit diesen und ähnlichen Aktivitäten nachzugehen, ohne an den nächsten Tag denken zu müssen. Warum nicht mal im Klappstuhl vor dem Haus die Sonne mit Bier begrüßen und anschließend bis zum Nachmittag schlafen? Damals eine seiner liebsten Ferienbeschäftigungen. Ebenso wie grundlos bis Mittag zu schlafen. Die Möglichkeiten waren endlos – in den Ferien schien alles möglich. Extrem beliebt waren auch ausschweifende und exzessiv gefeierte Geburtstage und andere Partys, auch wenn die Geburtstage in dieser Zeit selten rund waren. Eingeschlossen waren die ersten echten Erfahrungen mit Alkohol; von Opas Bierglas kosten und feststellen das es nicht schmeckt ist ja keine echte Erfahrung. Das Gefühl in einer lauen Sommernacht auf einem Feld zu liegen, nachdem er sich kurz vorher übergeben hatte, blieb ewig in seinem Gedächtnis. Ebenso wie das Aufwachen im Zelt am folgenden morgen in der brennenden Sonne.

Diesen traumhaften Jahren folgt eine Zeit der schrittweisen Entwöhnung: Das Kribbeln wird seltener, weil das Anfassen von Frauen zur Gewohnheit wird; der Freiraum nach der Arbeit ist sporadisch, reicht nicht für betrunkene Sonnenaufgänge und im Winter ist es sowieso schon dunkel; der Alkoholkonsum wird zwar nicht eingestellt, aber er hat sich an Bier gewöhnt und es kam leider nur noch selten zum Äußersten.

Arbeit – der Zeitpunkt an dem er merkte, dass die goldenen Zeiten vorbei waren. Beinah ohne es zu merken war er ein Erwachsener und die drei K’s der Jugendjahre wurden ersetzt durch die drei K’s des Erwachsenenlebens: Krankenversicherung, Kinder und Kosten.Während Mutti früher in aller Regelmäßigkeit Taschengeld verteilte und Oma zu großen Anlässen wie Dorffest oder Fasching gerne eine Zusatzvergütung vergab, war er nun Herr über die Finanzen. Miete, Einkauf, Versicherung: Mutti gab kein Taschengeld mehr und Oma nur noch zu Weihnachten einen Obolus. Plötzlich tauchten überall Kinder auf und wenn er auf der Straße dem ersten Kinderwagen murrend Platz gemacht hatte, kamen zwei neue um die Ecke geschossen. Bis zum Erbrechen trank er schon lange nicht mehr, und falls doch wachte er nicht auf einem schönen Feld oder im Zelt auf sondern im Bett mit Kater – ein unbefriedigendes Ergebnis. Früher war alles besser. Schlafen bis Mutti das Essen fertig hatte. Heute selbst mit Kater einkaufen gehen, was zusammenschmeißen und wissen, dass morgen wieder ein Arbeitstag ist.

Das nächstwohnende Mädchen von damals wohnte längst in einer größeren Stadt und würde es nebenan wohnen, hätte er es wohl nicht besucht. Zumindest nicht mit dem Fahrrad. Das Spannung an so einem Besuch war verflogen, denn er war zeitweise in Diskos unterwegs um fremde Frauen zu ergattern – komplett kribbelfrei. Freunde aus alten Zeiten sah man immer seltener. Exzessive Partys blieben aus, auch wenn die Geburtstage jetzt rund waren. Jeder war woanders und musste arbeiten. Leben war zur grauen Routine geworden, ohne große Aufregungen oder Exzesse. Aufstehen – arbeiten – dunkel und/oder müde. Die Perspektive für die Zukunft war nicht besser. Die Kinder würden immer mehr werden und möglicherweise hätte er auch eins. Wenn überhaupt würde er sich nur noch sporadisch übergeben. Immer mehr nutzlose Gedanken musste er sich machen: Altersvorsorge, Bügeln, möglicherweise die richtige Sorte Windeln kaufen. Seine beste Zeit hatte er erst im Nachhinein erkannt und auch wenn er es sich nur schwer vorstellen konnte, wollte er sich einreden, dass die aktuelle Zeit auch nicht so schlecht war. Trotzdem sie die Erfahrungen der Jugendzeit vermissen ließ. Vielleicht musste man sie zwingen gut werden, wie auch immer man das anstellen sollte.

Er musste sich auf das Leben jetzt konzentrieren und hoffte seine Dorfjugend nicht zu vergessen in der er angstgeschwängert auf dem Fahrrad in die Nachbarschaft zu einem Mädchen gefahren war, in der Hoffnung und Vorfreude rumknutschen zu können. Er hatte es in die nächste Kleinstadt geschafft – das änderte aber nichts am Ergebnis. In Gedanken in den goldenen Jahren hängen geblieben. Er dachte oft daran und machte sich auch sonst viele Gedanken. Manchmal passende Gedanken, öfter aber Unangebrachte. Hier die alte Dame nebenan bemitleidet und dann wieder die Dicke an der Kasse ausgelacht. Hin und wieder ein unangebrachter Hitlerwitz. Vieles was man nicht aussprechen sollte, aber auch Gedanken die es Wert gewesen wären, gehört zu werden.
Hätte er allerdings alles aussprechen müssen, wäre er schon längst komplett einsam. Beim Einkaufen, Fernsehen, Surfen im Internet, in der Bar nebenan – überall überkamen sie ihn. Seiner Meinung nach, würde sich ein Blick in seine Gedanken für jeden lohnen.

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