Mal wieder Zeit zu sehen was die Freunde so treiben. Dafür gibt es natürlich nur einen Ort: Das Internet. Die Zeiten der persönlichen Interaktion und Kommunikation sind lange gezählt. Wer etwas über eine andere Person herausfinden will, der „googelt“ oder „facebookt“ gar diese Person. Seit jeder zu jeder Zeit Internet hat, gibt es zu viele Informationen und zu viele Nutzer die der ganzen Welt Nutzloses und Sinnfreies mitteilen müssen. Er kannte das Internet noch von früher, da war alles besser. Circa zehn Minuten pro Tag haben völlig ausgereicht um sich mit Freunden kurzuschließen. Wie oft hatte er den Satz gehört „Mach mal das Internet aus, ich will telefonieren“ – heutzutage geht das Internet nicht mehr aus. Es bleibt an.

Er fand es gab zu viel von allem. Vollgestopft mit den immer gleichen Seiten über Diäten, Preisvergleichen und Einkaufsportalen ist das Internet unbestreitbar nützlich aber viel zu unübersichtlich und komplex, als dass man es jemals überblicken könnte. Jeder Trottel konnte sich eine Seite zusammenbasteln und was immer er für wichtig hielt in die Welt schicken. Ob jemand diese Seite finden würde, war eine andere Frage. Das Internet war zu einem Großteil das Medium der Dummen. Menschen, die eigentlich nichts gelernt haben, steigen in Sekunden auf zu Diätberatern, Liebesberatern und dergleichen und versuchen mit halbgarem Wissen den Leichtgläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Im Internet verteilte jeder Informationen die es natürlich schon gab und die auch offensichtlich waren, aber trotzdem fielen immer wieder genug Menschen darauf herein. Berufe wie Social Media Berater wurden plötzlich erfunden, weil sich jemand dachte, er kann ganz gut mit Facebook umgehen. Alle Berufe die damit zu tun hatten, erschienen ihm nutzlos und könnten ebenso gut abgeschafft werden.

Er hatte viel mit dem Internet zu tun und kannte sich relativ gut aus. Erstmal E-Mail abrufen. Mal wieder hatte er Geld und diverse Autos gewonnen und fragte sich, ob wirklich noch jemand auf diesen Mist reinfällt. Zwischendurch noch ein paar Penispillen-Mails und die üblichen Newsletter. Nichts Besonderes. Aber wer heutzutage Internet sagt, der meint natürlich nur Facebook. Auch er hatte sich angemeldet und kam nicht umhin einen Blick hineinzuwerfen, damit er überhaupt noch in etwa wusste, was seine „Freunde“ so trieben.
Angekündigt als Medium der unendlichen Informationen, war das Internet lange Zeit das Medium der unendlichen Pornos.  Mittlerweile sind Computer nurmehr Facebook-Maschinen und keine glorreichen Porno-Geräte mehr. Er hatte alle sozialen Seiten mitgemacht die in waren – von Anfang bis Ende. Die Halbwertszeit solcher Seiten war eher gering, sodass er sich von den meisten wieder gelöscht hat oder sich nur noch sporadisch ab und zu anmeldete, um zu sehen, dass es nichts neues gab, weil es ihm, Gott sei Dank, viele gleichtaten und der ganze Rest sinnloses Geschwafel war.

Bei Facebook schien das anders. Jedenfalls momentan noch. Es hatte den Sprung vom Internet ins Fernsehen und in die Printmedien geschafft und war generell allgegenwärtig. In der Werbung, im Radio und in Zeitungen – überall prangte das blaue F und erinnerte die Menschen daran, dass ein Leben ohne Facebook nicht möglich war. Schließlich waren ja alle schon da. Seine Einschätzung des Netzwerkes war einfach: Hauptsächlich fanden sich hier Frauen mittleren Alters, die lustige Spielchen spielten und zu viele Einladen an ihn verschickten. Daneben gab es noch Leute, die jeden Scheiß teilen müssen und zwanghaft Aufmerksamkeitsbedürftige. Die Personen die das richtige Maß fanden um die wichtigen Informationen mitzuteilen konnte man an zwei Händen zählen.  
Es wimmelte von Leuten, die im echten Leben wenig Vorzeigbares erreicht haben und deswegen im Internet versuchen kleine Siege zu erringen, um ihrem Leben einen größeren Wert zu geben. Schnell noch auf Wikipedia Halbwissen angefressen und dann gleich auf Facebook mitkommentiert um schlau zu erscheinen. Hitzige Diskussionen um nichts wurden angezettelt, nur damit man sich auf irgendeine Weise profilieren konnte. Regelmäßig musste man sich unter neuen Fotos von sich selbst im Badezimmer bestätigen lassen wie schön man doch ist. Vielen war sogar so langweilig, dass sie ständig neue Fotos in verschiedenen Posen von sich machen konnten und dreimal täglich ihr Profilbild änderten. Regelmäßig teilte man schlaue Sprüche und Zitate und erweckte bei seinen Freuden den Eindruck überdurchschnittlich gebildet zu sein, auch wenn die Meisten nicht mal die Namen der Zitatgeber fehlerfrei aussprechen konnten. Man konnte schreiben was man alles so erlebt, wie viel man zu tun hatte, wie beschäftigt man war und die Freunde würden einem das bestätigen und ihre Bewunderung zum Ausdruck bringen. Das motiviert doch für den Tag.
So konnte sich auf Facebook jeder seine kleine Welt schaffen, mit ausgewählten Freunden die einem Honig ums Maul schmierten und war geschützt von jeglichen negativen Einflüssen. Die gibt es nur in der Außenwelt. Immerhin konnte man sie mit seinen Freuden teilen und erhielt sofort Aufmunterungen und Zuspruch weil man so toll war. Viel zu viele machten das so; er nicht. Es ging ihm dabei nicht um die  Freunde bei denen sich das im Rahmen hielt, denn jeder braucht mal Zuspruch, sondern nur um die permanent Bedürftigen, die jedes Ereignis oder Erlebni steilen mussten und auf alles eine Antwort erwarteten. Er verteilte keinen Zuspruch und schrieb niemandem wie schön oder toll er oder sie war. Im Gegenzug erwartete er das auch nicht von anderen. Es schien ihm der beste Weg zu sein.

Das neue Layout viel ihm nach dem Anmelden direkt auf. „Mal wieder“, dachte er sich. Er rechnete also mit einer Vielzahl von Kommentaren und Statusupdates, die ihm berichten würden wie unübersichtlich und sinnlos das neue Layout war. Gleichzeitig wusste er aber auch, dass eben diese Muffel schon morgen vergessen haben werden, dass es überhaupt mal ein altes Layout gab und alle geht wieder den normalen Gang. Wie bei jeder Aktualisierung. Egal. Sechs neue Benachrichtigungen und zwei Nachrichten. Wer weiß, was das wieder sein soll. Zwei Freunde wollten ihn zu Spielen einladen. Als die Einladungen einmal Überhand nahmen, zugegeben wegen eigener Faulheit alle Anfragen gleich zu löschen, hatte er seine Freunde wenig höflich aufgefordert Anfragen dieser Art zu unterlassen, was aber nur die Wenigsten störte.
Täglich flatterten neue Einladungen ein: FarmVille, DiesVille, DasVille, BubbleSafari, DragonQuest – derartige Anfragen wurden ohne weitere Beachtung gelöscht. Das einzige Spiel, das er spielen würde, wäre „PornoVille“, aber dazu wurde er leider noch nicht eingeladen. Schade. „Baue dein eigenes Porno-Imperium auf. Engagiere die neuesten Stars, drehe und vermarkte deine Filmchen, und werde reich.“ Er musste schmunzeln, als er sich diese Beschreibung ausdachte. Weiter im Text.

Ein neuer Eintrag auf der Pinnwand: „wie geht’s so – was gibt’s neues“ – satzzeichenlos hingeklatscht. Er wollte so jemandem nicht erzählen was es neues gab. Wahrscheinlich interessierte es diesen jemand auch nicht wirklich und er hat sich in der Pinnwand vertan. Unpersönliche Kacke. Schreibt man sich gegenseitig auf virtuelle Pinnwände und wenn einer keine Lust mehr hat, dann ist die Unterhaltung zu Ende als hätte sie nie stattgefunden. Er nutzte das Netzwerk lieber um Freunde auf Getränke einzuladen, bei denen man sich dann erzählen konnte was es neues gab. So wie sich das gehörte. Aber selbst diese Gespräche wurden durch Smartphones vergiftet, auf die sein Gegenüber in letzter Zeit immer häufiger starrte. Es könnte ja etwas spannendes Neues auf Facebook geben. Gab es nie – wird es nie geben.  Die spannenden Dinge passieren im echten Leben, aber werden natürlich in sekundenschnelle geteilt.

Aber Freunde – das war ja auch ein Thema für sich. Mit einem Klick hinzugefügt und genausoschnell wieder gelöscht. Freunde, die ihm im echten Leben nicht mal mit dem Arsch angucken würden wollte ihn ganz dringend hinzufügen um auf dem Laufenden zu sein – wer‘s glaubt. Er erhielt öfter Anfragen von unbekannten Personen und lehnte sie entweder gleich ab oder schrieb eine Nachricht mit dem Inhalt „Kennen wir uns?“ Das reichte meist schon um den Absender völlig aus der Fassung zu bringen, denn das Beantworten einer Anfrage mit einer Nachricht war etwas komplett Unerwartetes. Auf diese Art klärten sich die meisten Anfragen von selbst. Alte Schulfreunde fügten einen hinzu und verloren schnell das anfänglich Interesse an den Dingen, die es wert gewesen wären, sie zu besprechen. Man hatte zu viele Freunde, man löschte sie zu selten, weil es zu lange dauerte. Einer dieser Freunde wollte seinen Geburtstag in einer neuen App eintragen lassen. Ihm fiel dazu nur ein Wort ein: Idiot.  

Anfangs hatte er seine Geburtstag in 10 verschiedenen Geburtstagserinnerungsanwendungen eintragen lassen, seltsamerweise auch immer auf Anfragen von den gleichen „Freunden“ hin. Im Normalfall waren es genau die Freunde, denen sein Geburtstag sowieso egal war oder die ihm in der Regel nicht gratulierten. Auf solche Freunde kann man getrost verzichten, ebenso wie auf die Anwendungen. Echte Freunde kannten seinen Geburtstag und kamen auf ein Bier vorbei und mussten nicht daran erinnert werden ihm ein unpersönliches „alles gute von mir“ auf die Pinnwand zu schmieren. Natürlich ohne Groß- und Kleinschreibung oder Satzzeichen. Das pure Elend. Niemand fühlte sich dazu verpflichtet einige wenige Satzzeichen einzubauen und wollte auch nur ein einziges Wort großschreiben. Satzzeichen gab es nur in Rudeln und abgerundet wurde alles mit einem Herzchen. Scheiß Herzen. Smilies und Herzen regieren Facebook. Jeder schrieb wie er es für richtig hielt. Gerne auch in regionalem Dialekt, um Lokalpatriotismus zum Ausdruck zu bringen. Schlimmer als einen generell schon schwer verständlichen Text, aufgrund mangelnder Satzzeichen und völliger Missachtung jeglicher Grammatik, zu schreiben, ist nur noch diesen Text auf hessisch oder bayrisch zu verfassen.

Zeit für den abschließenden Blick in den „Newsfeed“ seiner Freunde, bei dem ihm nichts Überraschendes erwartete: vermeintlich lustige Videos von Tieren, Fotos von Nahrung auf die jemand besonders stolz war, vermischte Einträge mit denen der Benutzer auf Aufmerksamkeit und Zuspruch aus war, Liebesbekundungen mit Herzen, Fotos von süßen Tieren, natürlich die Bilder mit einem schlauen Spruch, mit dem der Teiler sich entweder besonders schlau oder lustig fühlte oder total seine Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Außerdem hatte einer seiner Freunde scheinbar eine Art Stall in einem Spiel über Pferde fertiggestellt und konnte nun überschüssiges Material an Bedürftige verschenken – Glückwunsch.

Die Schlauen verirrten sich selten zu Facebook, ebenso wie die halbwegs Schlauen, und wenn, dann hielten sie sich viel zu bedeckt. Die Menschen die was zu sagen haben, erkennen zu oft, dass Facebook der falsche Ort dafür ist, während die Dummen alles rausposaunen was ihnen in den Sinn kommt. Natürlich gilt das für das gesamte Internet. Damit es vom ihm auch mal was Neues gab, teilte er lustlos ein Video. Er dachte sich noch „Zeit mal wieder Freunde auszusortieren“, was er aber doch nicht machte und meldete sich ab. Endlich wieder raus hier.

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