KI-Tools machen uns schneller. Sie formulieren, strukturieren, recherchieren – auf Knopfdruck. Was früher einen Arbeitstag kostete, dauert jetzt eine Stunde. Das ist beeindruckend. Das ist hilfreich. Und das ist manchmal auch: erschöpfend.

Denn mit der Geschwindigkeit kommen neue Erwartungen. An uns selbst. Und von außen.


Was sich verändert – oft unbemerkt

Wer KI im Unterricht oder im Büroalltag nutzt, erlebt häufig drei Phänomene, über die kaum gesprochen wird:

1. Der stille Druck, immer auf der Höhe zu sein.

Wenn das Tool nie müde wird, nie einen schlechten Tag hat und nie zögert – was bedeutet das für unseren eigenen Rhythmus? Viele berichten, dass sie sich schlechter fühlen, obwohl sie objektiv mehr leisten.

2. Entscheidungsmüdigkeit durch Überangebot.

KI liefert Optionen, Varianten, Alternativen im Sekundenrhythmus. Was entlastet, kann auch überfordern. Wer den ganzen Tag zwischen KI-Vorschlägen wählt, trifft abends schlechtere Entscheidungen – nicht weil er schwächer ist, sondern weil das Gehirn erschöpft ist.

Exkurs: Wie Stress sich aufschichtet – und warum KI dabei eine besondere Rolle spielt

Um zu verstehen, was KI langfristig mit uns macht, lohnt sich ein kurzer Blick in die Stressforschung – denn was dort beschrieben wird, erleben viele KI-Nutzende gerade am eigenen Leib, ohne es benennen zu können.

Unser Körper ist darauf ausgelegt, auf Belastung mit Anspannung zu reagieren – und sich danach wieder zu erholen. Dieses Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung ist der natürliche Rhythmus, auf den unser Nervensystem ausgerichtet ist. Früher folgte auf jede Anspannung eine Phase der Entspannung. Genau das ist es, was uns heute zunehmend fehlt.

Was passiert, wenn Entspannung ausbleibt? Das Grundniveau unserer inneren Anspannung steigt. Nicht dramatisch von einem Tag auf den anderen – sondern schleichend, fast unbemerkt. Wer sich nach einem intensiven Arbeitstag nicht wirklich erholt, startet am nächsten Morgen auf einem höheren Spannungsniveau. Jede weitere Belastung trifft dann auf ein System, das bereits vorbelastet ist. Mit der Zeit verschiebt sich das, was Psychologen das „allgemeine Anspannungsniveau“ nennen – und was früher als große Belastung galt, überschreitet schneller die persönliche Stressschwelle.

Genau hier setzt KI auf eine neue, heimtückische Weise an.

Denn KI macht Dinge schneller. Das ist ihr Versprechen – und es hält. Was früher einen halben Tag dauerte, ist jetzt in einer Stunde erledigt. Das klingt zunächst nach Entlastung. Aber was passiert mit der gewonnenen Zeit? In der Praxis zeigt sich: Sie wird nicht zur Erholung genutzt. Sie wird mit mehr Aufgaben gefüllt. Der frei gewordene Raum wird sofort wieder besetzt – mit neuen Projekten, weiteren Anfragen, zusätzlichen Erwartungen.

Das Ergebnis: Man leistet mehr als vorher. Aber man erholt sich genauso wenig – oder noch weniger. Der Körper erlebt keinen Gewinn, sondern eine Verdichtung. Das Grundniveau der Anspannung steigt. Und mit ihm die Anfälligkeit für Stress, Reizbarkeit und Erschöpfung – auch wenn objektiv „mehr geschafft“ wird.

Hinzu kommt der sogenannte Sägeblatt-Effekt: Jedes Mal, wenn wir aus unserem Fokus herausgerissen werden – sei es durch eine neue KI-Ausgabe, eine Benachrichtigung oder den Impuls, das Tool noch einmal zu konsultieren – braucht das Gehirn Zeit, um den Fokus wieder aufzubauen. KI-Tools sind darauf ausgelegt, konsultiert zu werden. Sie laden zur Unterbrechung ein. Das Ergebnis ist ein Arbeitstag voller kleiner Unterbrechungen, die sich zu einem zersägten Konzentrationsverlauf addieren – erschöpfend, auch wenn man es nicht sofort spürt.

Was das bedeutet: Wer KI produktiv und gesund nutzen will, braucht nicht nur gute Tools – sondern bewusste Pausen. Echte Erholung. Phasen, in denen das Anspannungsniveau wirklich sinken darf. Nicht als Luxus, sondern als Voraussetzung dafür, dass das System – der Mensch – langfristig funktioniert.

Die Frage ist nicht: Kann ich mehr schaffen mit KI? Die Frage ist: Wie gestalte ich den Raum, den KI mir gibt, so dass ich davon wirklich profitiere – ohne mich dabei still und leise zu überlasten?

 

3. Das Gefühl, nicht mehr unersetzlich zu sein.

Gerade für Lehrende und Fachkräfte, deren Identität eng mit ihrem Wissen verknüpft ist, stellt KI eine subtile Frage: Was kann ich, was die Maschine nicht kann? Das ist keine Schwäche – das ist eine zutiefst menschliche Reaktion auf Veränderung.


Warum das wichtig ist – gerade für Bildung und Führung

In der Schule, der Hochschule, der Organisation: Wer andere begleitet, trägt Verantwortung. Auch für das eigene Wohlbefinden. Denn wer selbst unter Druck steht, gibt diesen Druck weiter – an Schüler:innen, Studierende, Mitarbeitende.

KI verändert nicht nur Prozesse. Sie verändert, wie wir uns im Beruf erleben.

Darüber möchte ich in den nächsten Wochen sprechen. Nicht alarmistisch. Nicht euphorisch. Sondern ehrlich.


In dieser Reihe geht es um:

→ Was KI psychologisch mit uns macht

→ Warum Vertrauen, Kontrolle und Identität auf dem Spiel stehen

→ Wie ein gesunder Umgang mit KI konkret aussehen kann

→ Und warum KI-Kompetenz auch emotionale Kompetenz ist


Ich bin René Seidel – Bildungsgestalter, KI-Didaktiker und Fachkraft für Stressmanagement. Diese Reihe entsteht aus der Überzeugung: Technologie ist nur so gut wie die Menschen, die sie nutzen. Und die brauchen mehr als ein gutes Tool.