Männergrippe

Die Sonnenstrahlen kitzelten ihn in der Nase und provozierten einen Nieser. Aber dieser Nieser hatte im Abgang einen Beigeschmack. Es war einer der Nieser, bei denen man wusste, dass das noch nicht alles war. Vergeben und vergessen – weiter mit dem Tagesgeschäft. Wenn man keinen Gedanken daran verschwendet, dass eine Krankheit aufkeimen könnte, dann bleibt man auch gesund. Es sollte für diesen Tag auch der letzte Nasenwind sein.
Tag zwei nach dem verheißungsvollen Erstschnäuzer. Die Arbeit muss erledigt werden. Irgendwas war komisch. Zwei oder drei Nieser an diesem Tag kamen ohne Voranmeldung und schienen keine äußerliche Ursache zu haben. Außerdem kribbelte die Nase noch kurz nach. Unterbewusst wahr ihm schon klar, was demnächst folgen würde, auch wenn er nicht daran denken, geschweige denn es aussprechen wollte. Es war etwas im Anflug.
An nächsten Tag hatten sich zu dem immer häufiger auftretenden Geniese auch die ersten Hüstler gesellt und allgemeines Unwohlsein machte sich breit. Am folgenden Tag sollte der Virus mit all seiner Macht zuschlagen. Ein Virus, wie er vorher noch keinem begegnet war. Die Hälfte der Menschen wird schon bei bloßen Nennung seines Namens vollständig gelähmt, während die andere Hälfte weiterleben kann, als wäre nichts gewesen. Männergrippe.

Auf dem Höhepunkt der Seuche angekommen, machte die Welt keinen Sinn mehr. Er hatte sich in der ersten Phase noch mit Lebensmitteln ausgestattet, sodass er die Wohnung nicht mehr verlassen musste. Er leidete vor allem an genereller Unpässlichkeit, aber das sehr heftig. Weitere Symptome waren der Verbrauch von etwa einem Dutzend Taschentuchpackungen, die in einem Müllbeutel neben dem Bett gesammelt wurden, regelmäßiges Abhusten, und eine gewisse Wehleidigkeit, die zwar Spott und Hohn nach sich zog, aber durchaus angemessen war. Er verweilte abwechselnd im Bett und auf dem Sofa und bewegte sich unter größten Anstrengungen nur zum Pinkeln und Tee machen weg von diesen Ruhestätten weg. Die Welt lief langsamer und schmerzhafter als normal. Der Hals war kratzig, die Nase abwechselnd völlig verstopft und dann lief wieder alles heraus ohne Anzeichen für ein Aufhören. Vollgerotzte Taschentücher bevölkerten mittlerweile auch den Boden des Schlafzimmers – der zum Sammeln gedachte Beutel platzte längst aus allen Nähten. Sein Körper fühlte sich an wie ein unaussprechlich ekelhafter Klumpen. Er fragte sich ob wohl seine Haare fettiger waren als seine Haut oder umgekehrt – unregelmäßig eingestreute Erkältungsbäder mit anschließender Rückkehr unter die viel zu warme Decke ließen den Schweiß noch schneller strömen. Die wenigen Augenblicke des Tages, die er bewusst mitbekam, lag er regungslos da, bevor sich die Welt wieder verdunkelte. Nach mehreren Tagen intensiven Leidens trat unverhofft eine leichte Verbesserung ein. Die Sonne wurde wieder heller und die Vögel draußen zwitscherten lauter. Seine Augen blieben länger geöffnet und Interaktionen mit anderen Menschen, wenigstens virtuell, waren wieder möglich.

Etwa 6 Tage nach dem Ausbrechen der Krankheit fühlte er sich gesund genug, um sich seit langer Zeit wieder ausgiebig der Körperpflege zu widmen, die sich vorher nur auf Erkältungsbäder und lustlosen Zähneputzen beschränkt hatte. Er wurde wieder zu einem Menschen. Er war weiterhin auf Taschentücher angewiesen, wie Junkies auf Drogen. Die erste Zigarette auf dem Balkon war ekelhaft. Schmeckte nur mittelmäßig, aber besser als gar keine.In den folgenden Tagen besserte sich seine Situation zunehmend. Die Zigaretten wurden wieder häufiger, er beteiligte sich eher schlecht als recht am Haushalt und beseitigte die Spuren der letzten Woche. Bisher ist er bei Suppe und Tee geblieben und das hatte seine Spuren hinterlassen: Sein Zustand war desolat und er hatten einen unglaublichen Heißhunger auf Fleisch und Bier. Mit dem Abklingen seiner Krankheit hatte der Frühling Einzug gehalten. Das erste Mal 15 Grad – wie passend. Warm eingepackt macht er sich auf den Weg zur Bank um Geld zu holen. Die Kippe auf dem Weg schmeckte wunderbar, als im die Sonne im Gesicht kitzelte und einen Nieser hervorrief, der keinen Beigeschmack hatte.
Ein Döner und ein Bier. Alles war wieder in Ordnung.

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