In der Morgendämmerung erreiche ich mein Gefährt und laufe erst einmal rund um das Arbeitsgerät. Besteige den phallusförmigen Traum, die Pfeilspitze der Fortbewegung, und richte mich häuslich ein. Motörhead-CD eingelegt, ein paar Würfel und ein Fuchsschwanz an den Spiegel. Fehlt noch das Outfit: Haarteil mit Pferdeschwanz bis zum Arsch angelegt und viel zu coole Sonnenbrille aufgesetzt. Abschließend noch ein Kissen unter das Hemd, um eine Wohlstandswampe zu suggerieren, die laut Vertrag fester Bestandteil eines jeden Fahrers sein muss. Ich bin bereit. Ich nehme mir vor, unterwegs alle anderen Busfahrer, Taxifahrer und LKW-Fahrer zu grüßen und besonders dicht neben Radfahrern vorbeizuheizen, damit diese vor Schreck vom Rad fallen.

Nach kurzer Fahrt komme ich an die erste Haltestelle. Schon von Weitem sehe ich, wie sich die Kinder gegenseitig schieben und schubsen. Ich fahre also besonders vorsichtig an die Station, hupe, um auf mich aufmerksam zu machen,…und starte dann voll durch. Wer sich nicht benimmt, steigt nicht in meinen Bus. Eine Mutter läuft noch kurz neben mir her und gestikuliert wild durch die Scheibe. Scharfes Gerät, aber nach der Aktion geht da auch nichts mehr. Vergnügt pfeifend fahre ich weiter und sehe im Rückspiegel die ersten Kinder weinend zusammenbrechen. Selber Schuld.

Nächste Haltestelle: Hier scheint alles in Ordnung. Die Kinder stehen in Reih und Glied. Ein Balg heult mir die Ohren voll, dass es seine Busfahrkarte zu Hause vergessen habe. Da kann ja jeder kommen. Ich schlage ihm vor, dass er heute Abend nach Dienstschluss meinen Bus wäscht, und er willigt ein. Wir rauschen weiter. Ohne weitere Vorkommnisse zuckeln wir zur Zielhaltestelle vor der Schule, wo sich alle gleichzeitig durch eine Tür ins Freie pressen müssen. Ich mach die Türen in unregelmäßigen Abständen auf und zu. Wie bei den Greifarmautomaten versuche ich die Kinder genau zwischen Körper und Rucksack zu erwischen. Wenn es klappt, werden sie mitten im Laufen abrupt gestoppt und hängen hilflos an der Tür. Herrlich. In der Frühstückpause beobachte ich die ersten Biereinkäufer am Kiosk. Zum Frühstück ein Bier und eine Bratwurst, das wäre es jetzt, aber ich muss noch fahren. Vielleicht zum Mittag.

Weiter geht die wilde Fahrt. Als nächstes Richtung Arbeitsamt. Mal sehen, was jetzt für Gestalten einsteigen. Einer kommt direkt vom Bierstand zu mir gelaufen und nimmt Platz. Drei weitere Fahnenträger gesellen sich schnell zu ihm. Aus meinem Sitzfach ziehe ich eine Handvoll Duftbäume, packe sie aus und werfe sie von Weitem in Richtung der Biernasen. Frischer Apfelduft erfüllt den Raum – kann auf dem Amt auch nur von Vorteil sein. Auf dem Rückweg wollen nur drei Omas zum Wochenmarkt. Sie reden die ganze Zeit über Krankheiten, das macht mich traurig, also beschließe ich für eine kurze Zigarettenpause an den Rand zu fahren, um mich zu erholen. Bei herrlichstem Sonnenschein lege ich mich fünf Minuten auf eine Wiese und entspanne. Von den verwirrten Blicken lasse ich mich nicht beirren und steige frohen Gemütes wieder ein. Als sich eine Oma beschweren will, zeige ich auf das Nicht-mit-dem-Busfahrer-reden-Schild und drehe meine Motörhead-CD voll auf. Weil ich gut in Schwung bin, lasse ich die nächsten drei Haltestellen aus – die Wartenden müssen eben eine Stunde länger warten. Mit Schwung gebremst, dass die Omas fast vom Stuhl fallen und raus mit ihnen.

Beim Abfahren sehe ich, wie ein dickes Kind hinfällt und die anderen Schüler ihn auslachen. Wie jeder gute Busfahrer halte ich sofort an, steige aus und zeige mit dem Finger auf den am Boden liegenden. Gemeinsam mit seinen Mitschülern lache ich eine Weile, dann klatschen wir ab und fahren weiter. Jetzt bin ich in High-Five-Stimmung.

Die ersten Grundschüler wollen schon wieder nach Hause gebracht werden. Ich mache vor dem Öffnen der Tür eine Ansage durch das Fenster, dass jeder mitfahren darf, der beim Einsteigen mit mir abklatscht. Nachdem ich die Kinder in einer Reihe geordnet habe, nehme ich meinen Platz ein, öffne die Tür und strecke meine Hand aus. 30 oder 40 kleine Hände klatschen im Vorbeigehen an meine Hand, während ich cool geradeaus schaue, ohne mir etwas anmerken zu lassen. Wunderbar. Die Stimmung wird jäh getrübt von einem Kind mit iPhone, das meint David Guetta abspielen zu müssen. Ich lege einen Nothalt ein und mache eine Durchsage, dass die Fahrt erst weiter geht, wenn das entsprechende Telefon bei mir abgegeben ist. Der Sünder kommt mit hängendem Kopf zu mir und übergibt mir das Gerät der Sünde. Ich lächele ihm zu. Schmeiße das Handy aus dem Fenster und nehme wieder Fahrt auf.

Mittag. Zwei Bratwürste mit Senf und dazu ein Käffchen am Kiosk. So gehört sich das für Busfahrer. Die ersten Kiosk-Besucher gehen schon betrunken heim. In den Gesprächen mit anderen Fahrern erzähle ich von meinem Vormittag und ernte anerkennendes Nicken von allen Seiten.

Auf der ersten Fahrt nach dem Mittag setzen sich zwei ganz Coole in die letzte Sitzreihe. Am Ausstieg wundern sie sich, warum sich die Tür nicht öffnet. Ich rufe von vorne „Ihr müsst den Knopf drücken“, aber meine Mühe ist vergebens. Ich fahre weiter, die Halbstarken stehen verwundert vor der Tür und kommen dann nach vorne gestürmt. In schlechtem Deutsch erklärt mir einer, dass sie an der letzten Haltestelle austeigen wollten. Ich zeige wieder auf mein Schild. Als er nicht aufhört zu reden, leite ich eine Vollbremsung ein, sodass er kurz an der Scheibe klebt und ich die Ruhe genießen kann. Als er wieder auf die Beine kommt, gebe ich Vollgas, sodass er mit seinem Rucksack, der auf Arschhöhe hängt, nach hinten fällt. Der gerade verschaffte Respekt sorgt für Stille bis zum nächsten Halt. Mit den Worten „Wenn ihr den Knopf nicht findet“ entlasse ich die Quälgeister in die Freiheit.

Auf meiner letzten Fahrt voller Mittelschüler beschalle ich den gesamten Bus mit MDR Sachsen und verabschiede danach alle mit einem Lächeln, während die Kinder geschockt aus dem Bus fliehen. Während ich mein Gefährt abstelle, kommt der Waschknabe auf den Hof geschlendert. Weil ich gut gelaunt bin, stelle ich ihm nur die Reifen in Auftrag. Ich bewaffne ihn mit drei Tuben Elsterglanz und einer Zahnbürste. Als ich mich von Weitem noch einmal umschaue, sehe ihn am Horizont schemenhaft auf Knien, neben den Umrissen des Busses, wie er dem Sonnenuntergang entgegenputzt. Es war ein guter Tag.

Foto: flickr/Pierre Metivier

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