Was waren das für Zeiten früher: Nervös habe ich Mädchen beobachtet und ewig lange auf den richtigen Moment gewartet. Als sie ihren Rucksack in der Schule unbeobachtet gelassen hat, bin ich wieselflink hin gesprintet und habe mit klopfendem Herzen ein Briefchen ins vorderste Fach gesteckt. Und zwar so, dass sie den Zettel erst zuhause beim Einräumen der Tasche für den nächsten Tag findet. Aufgeregt habe ich jede Bewegung verfolgt und gehofft, dass sie das Zettelchen nicht schon in der Schule sieht, das hätte übel enden können.

Handschriftlich war darauf vermerkt, dass es mich nicht weiter stören würde, wenn wir uns auch nach der Schule mal sehen würden, denn sie war eigentlich voll in Ordnung, oder so. Unterhalb drei mit Geodreieck gezogene Kästchen zum Ankreuzen, hier war der Geometrieunterricht endlich mal zu etwas gut. An den Kästchen fanden sich die Punkt Ja, Nein und Vielleicht wieder.

Rundum verziert kam der Text mit diversen Herzchen, Aufklebern aus meinem Stickeralbum und allerlei Schnörkeln daher. Besonders ernste Angelegenheiten verlangten nach dem Einsprühen des Werkes mit edlem Parfum.
Im Idealfall kam der Zettel nach kurzer Zeit wieder bei mir an und hatte das Kreuz an der richtigen Stelle. Vielleicht auch mit einem Foto der Person der Begierde. Ansonsten habe ich die Zielperson tagelang aufgeregt beschattet und hoffte das sie nichts von der Verfolgung mitbekäme. Bei keiner oder einer negativen Rückantwort begann das Szenario von vorn.

Manchmal habe ich auch mit zitternder Stimme ein Mädchen angesprochen und zu einem Treffen überredet. Filme gucken, spazieren gehen – das volle Programm. Danach Händchen halten und rumknutschen über einen gewissen Zeitraum, bis es dann, irgendwann, zum letztendlichen Akt kam.

So schlimm wie eben beschrieben war es natürlich nicht, oder nicht immer und die Neunziger sind auch vorbei. Nun gibt es das Internet, das Smartphone und Selfies und die Kombination dieser Dinge vereinfacht vieles.
Die Handschriftlichkeit hat keine Berechtigung mehr und die Aufgeregtheit wurde längst abgelegt. Man meldet sich bei WhatsApp oder Snapchat, oder wie sie alle heißen an, und muss anschließend eigentlich nur abwarten. Das Warten wird deutlich verkürzt, wenn man sich einen eindeutigen Nickname gibt, wie zum Beispiel „Uschiflüsterer“ oder „Otzenfürst“.

Innerhalb kürzester Zeit werden dann eindeutige Fotos einfliegen und den Speicher regelrecht zuscheißen. Fotos mit einer Offenherzigkeit, die einen Erwachsenen locker in den Knast bringen würden, wenn die Polizei sie fände. Selfies kann man nicht nur angezogen machen, sondern auch entkleidet. Um alles auch zu erfassen kann ein großer Spiegel als Hilfsmittel genutzt werden. Wieviele solcher Darstellungen genau im Internet umherfliegen kann niemand so richtig sagen.

Man schickt sich also diverse eindeutige Fotos hin und her, denn man will ja nicht Katze im Sack kaufen. Anhand der Fotos kann der Empfänger dann, ähnlich einer Speisekarte, seinen Wunschpartner auswählen und kennenlernen. Natürlich nicht kennenlernen! Auch das kennenlernen wird reduziert, nämlich auf die eben erwähnten Selfies. Der Partner wird ausgewählt und dabei wird gedanklich festgehalten: Die einmal, die vielleicht dreimal und die gar nicht. Fertig.

Der gesamte Vorgang wird auf ein Minimum reduziert, wobei persönlicher Kontakt gänzlich ausgeschlossen werden kann. Ob das nun gut oder schlecht ist, darüber kann man natürlich streiten, aber es nimmt der Sache die eigentliche Dynamik. Fest steht: Für die heutige Jugend waren wir augenscheinlich verklemmte Romantiker und prüde noch dazu. Stündlich werden mehr neue Bilder auf Facebookseiten wie “Deutschlands schönste Jugendliche” oder “Löbaus schönste Jugendliche” hochgeladen, als ich Abziehbilder von meinem Album auf Liebesbriefe kleben könnte.

Und in zehn oder zwanzig Jahren? Lachen die Zukuftsjugendlichen ebenfalls über die Annäherungsversuche von heute und deren Verklemmtheit? Eine Steigerung ist schwer vorstellbar. Vielleicht laufen dann alle mit Brillen rum, die einen eingebauten Körperscanner haben und neben Nacktbildern auch direkt Maße und allgemeine Verfügbarkeit einblenden können. Vielleicht muss man sich auch nicht mehr Abends im Zimmer treffen, sondern erledigt alles direkt vor Ort und geht dann weiter seinem Tagesgeschäft nach. Irgendwas wird sich auf jeden Fall noch tun und ich bin gespannt.

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