Genauso, wie man sich seine Familie nicht aussuchen kann, kann man sich seine Nachbarn nicht aussuchen. Manche müffeln einfach und sind ansonsten unauffällig; manche sind peinlich; manche sind ganz nett. Wenn es eine Bande von Dödeln ist, dann ist das leider so un dman muss es aussitzen oder wegziehen.

Er hatte sich für die falsche Wohnung entschieden. Eine Dicke, ein Dicker, drei Kinder von vier Vätern, eines davon schiss noch in die Windeln. Dazu ein Hund, zwei Katzen und diverse andere Kleintiere. Obligatorisch im Gesamtpaket noch dazu eine Horde minderbemittelter „Freunde der Familie“, die in unregelmäßigen Abständen zu Besuch kamen. Der personifizierte Traum eines Nachbarn.

Er wohnte ganz unten – sie ganz oben. Zum Rauchen musste er vor die Tür, um ihnen möglichst nicht über den Weg zu laufen oder sogar im Freien mit ihnen gesehen zu werden, sondierte er gründlichst die Lage, bevor er sich nach draußen traute. In Kleinstädten hat man schnell seinen Ruf weg, wenn man sich mit den falschen Leuten herumtreibt. Alles ruhig – es kann losgehen. Nach der viel zu schnell gerauchten Zigarette, überprüfte er noch den Inhalt des Briefkastens, was sich als fataler Fehler herausstellen sollte, denn das Unheil nahm seinen Lauf. Die Familienschleuder fuhr vor. Die Türen hatten sich noch nicht richtig geöffnet, da schwänzelte ihm schon der Köter zwischen den Beinen herum. Der kann ja auch nichts dafür, wo er lebt. Je schneller man versucht, den Schlüssel in die Tür zu stecken, umso mehr fummelt man herum. Natürlich hatten sie ihn bereits gesehen.

„Guten Tag.“
„Grüß dich.“
Achso, gleich mal ganz frech dutzen – anstandsloses Pack.
„Sach mal, wir kriegen morgen ein neues Sofa und alleine bekomme ich das nich die Treppen hoch – kannste ma kurz mit anpacken? Kriegst auch was.“
„Ja klar, kein Ding.“
Moment. Hatte er gerade zugesagt, den verhassten Nachbarn beim Möbel schleppen zu helfen? Dazu müsste er ja auch in die Wohnung? „Hoffentlich hole ich mir da nichts weg“, schoss es ihm durch den Kopf. Jetzt war alles zu spät.
„Alles klar – ich komm dann morgen früh klingeln.“
Scheiße – vor Schreck ging er direkt noch eine Rauchen.
Er konnte beobachten, wie die Mutter mit dem Kleinsten direkt ins Haus verschwand. Der Dicke rauchte ebenfalls erstmal eine – scheinbar hatte ihn das Gespräch sehr gefordert. Die verbliebenen Kinder schleppten in der Zwischenzeit Einkaufstüten, randvoll gefüllt mit zuckerhaltigen Leckereien, ins Haus. Familienpackung von Cornflakes, Chips und Schokolade, Tütenfressen und 5-Liter-Kübel Zuckerwasser, dessen Farbe eigentlich Abschreckung genug sein sollte. Währenddessen schiss der Hund in Ruhe mitten auf die Straße vor das Haus. Als letzte Amtshandlung schnippte der Vater seine Zigarette auf das Nachbargrundstück, während die Kinder mit vereinten Kräften den Biervorrat für das Wochenende die Treppen hoch, in den dritten Stock, wuchteten.

Die Treppen in den dritten Stock warteten nun auch auf ihn. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Verfluchter Anstand. Im Schlaf umtrieb ihn die Angst. Im Fernsehen hört man öfter von Menschen, die aus fremden Wohnungen nie zurückkehrten. Der Dicke würde ihn vermutlich essen. Halb Acht war er munter – was ist bei Arbeitslosen eigentlich zeitig? Konnte er noch in Ruhe aufs Klo gehen? So eine Hektik am Samstagmorgen. Was muss, das muss.

Gegen um Elf klingelte es an der Tür – das neue Sofa war da. Ein Ecksofa mit hässlichem Muster und ein dekorativ abgestimmter Sessel. Gebraucht – das konnte man deutlich sehen. Er ging zu Tür. „Na dann mal los.“ „Erstmal eine Rauchen.“ Das würde in 20 Minuten nicht erledigt sein, dass war ihm nun klar. „Ich bin übrigens Kevin.“ Ende 40, arbeitslos und Kevin heißen – wie Arsch auf Eimer. Sie starteten mit dem schwersten Teil. Nach drei Stufen hatte der Dicke die ersten Schweißperlen auf der Stirn und Schnappatmung. Eine Halbtreppe hatte genau acht Stufen – bei dem Schneckentempo blieb genug Zeit zum Zählen. Nach jeder Halbtreppe machten Sie eine zwei-minütige Pause zum Verschnaufen. Der langsamste Umzug aller Zeiten. Während der Dicke nach Luft rang, könnte er sich in aller Ruhe das Muster an der Flurwand genauer ansehen. Hässlich.

Nach 15 Minuten war Teil Eins ganz oben vor der Wohnung. Helm auf – jetzt geht es in den echten Gefahrenbereich. Sollte eigentlich gekennzeichnet werden, damit auch Besucher Bescheid wissen. Es roch nach Qualm und Katzenklo. Die Viecher waren zum Glück weggesperrt. Eine wenig einladende Atmosphäre. Die Katzen hatten sich großflächig an der Tapete ausgelassen – wahrscheinlich fanden sogar sie die Lappen an der Wand scheiße. Vergilbte Raufaser – jedem das Seine. Alle Türen waren zu – so musste er wenigstens nicht mehr sehen als notwendig. Ab ins Wohnzimmer, dass ebenso hoffungnslos eingerichtet war, wie der Flur. Einzige Deko: Ein Platzdeckchen auf dem Couchtisch mit einer aufgeschlagenen Fernsehzeitung, die mittig darauf Platz gefunden hat. Abgerundet wurde das Gesamtensemble von, nach Größe sortierten, Frenbedienungen – mindestens zwölf davon. Und natürlich: Der riesige Flachbildschirm. Aber 5-Liter-Eimer billiges Zuckergesöff kaufen und Bier aus Plastikflaschen.

Wenn man ein altes Sofa rausschmeißt und ein neues bekommt, muss man auch nicht saugen – der Dreck verschwindet ja direkt wieder unter dem Sofa. Das wird dem neuen Möbel helfen sich schneller einzuleben. Traumhaft, der erste Teil war platziert. Nur noch ein Teil und der Sessel. Schnell wieder runter und angepackt. „Nenee, lass erstmal eine Rauchen. Bisschen ausruhen.“ Gesagt, getan. Der zweite, kleinere Teil setzte sich langsam in Bewegung. Allerdings war der Atem schon vor dem Hochhaben knapp, sodass die Pausen natürlich entsprechend großzügiger gestaltet wurden. Irgendwie war auch der Hund in den Flur gekommen und eierte ihnen zwischen den Beinen herum. Beim zweiten Stolpern wollte er ihn schon wegtreten, konnte sich aber kurz vorher noch besinnen. Devise: Durchhalten. Nach quälend langen 20 Minuten war auch dieser Teil oben angekommen. In der Wohnung roch es nach Essen oder Kochwäsche mit dreckigen Stoffwindeln; das wusste wahrscheinlich keiner der Anwesenden so genau.

Während der Dicke oben Limo trank, rannte er nach unten und platzierte den Sessel auf seinem Kopf. Auf dem Weg durch den Flur eckte er zwei oder drei Mal seitlich an, aber egal. Schnell hoch das Ding und in die Wohnung geschmissen. Die Bewohner machten große Augen. „Hätten wir doch auch zusammen..“ „Ach, das passt schon.“ „Alles klar“ Er gab seine Lebensabschnittsgefährtin zu verstehen, dass sie mir die Entlohnung überreichen solle und ich nahm einen fünf Euro in kleinen Stücken entgegen und versuchte nicht entgeistert zu schauen. „Danke und tschüss.“ Als er die Wohnung verließ, spülte der Dicke gerade seine Herztabletten mit einem kräftigen Schluck Limo aus dem Rieseneimer runter und aus den anderen Zimmern kamen Katzen, Vögel und möglicherweise in Stinktier. Schnell raus hier. 90 Mintuen, die unwiederbringlich verloren waren. Eigentlich hätte er von den fünf Euro Alkohol zum Desinfizieren kaufen müssen.

Glücklichweise ist er den Nachbarn selten so Nahe gekommen und falls doch, wurde er dafür nicht entlohnt, wie es angebracht gewesen wäre. Der Schlussstrich wurde gezogen, als im Garten eine Geburtstagsfeier anberaumt wurde. Es war Sonntag; er musste am nächsten Arbeiten und wusste, dass es nur schiefgehen kann. Alle Kinder waren da und auch alle Väter. Außerdem viele andere seltsame Gäste. Die illustre Runde tauschte sich über bewegende Themen aus, wie Geldprobleme, auf dem Amt arbeiten nur Schwachköpfe, wer könnte der Vater von „Unfall“ sein, oder warum arbeiten für Idioten ist. Er war in dieser Zeit in der Wohnung gefangen und konnte nicht rauchen gehen. Aber besser so, als zu riskieren der Bande zu begegnen. Der Hund setzte genüsslich einen Haufen nach dem anderen auf die Wiese, als hätte er das seit Jahren nicht mehr machen dürfen. Die Bierflaschen klimperten und ab und zu schrie man wahlweise die Kinder oder einen Gast an. Eine schöne Veranstaltung.

Zum Abendessen wurde gegrillt. Das konnte er relativ einfach feststellen, denn die Festgemeinde hatte den Grill geruchswirksam unter seinem Küchenfenster platziert, wodurch der Rauch in die Wohnung zog. Qualm gab es viel, denn es wurde so fleißig mit Bier gelöscht, dass inzwischen mehr davon als aufgelegtes Grillgut auf dem Grill sein musste. Pappnasen. Fenster zu und freundlich in die Runde gewunken. Was für Gesichter, da kommt man garantiert nicht in Feierlaune, da muss man trinken.

Gegen halb zwei Nachts erreichte der Abend seinen Höhepunkt. Um den aktuellen Dorffest-Mix nicht in voller Lautstärke hören zu müssen, hatte er die Fenster geschlossen, was bei den sommerlichen Temperaturen nicht beim Einschlafen half. Das Geschrei hörte er auch durch das geschlossene Fenster. Danach war kurz Stille, bevor die Musik lauter als als vorher aufgedreht wurde. Er hatte nur Wortfetzen mitbekommen. Irgendetwas mit „Assi“, „selber Assi“ und was man sich sonst noch so zu sagen hat. Weil er zeitig aufstehen musste, streckte er nun endlich den Kopf aus dem Küchenfenster. Zwei Gestalten starrten, scheinbar gelähmt von Bier, ins Feuer. Die Stimmung war geladen, dass er merkte er sofort, als er mit einem kräftigen „Was is?!“ begrüßt wurde.
„Hallöchen. Heute ist Sonntag und ich muss dann arbeiten. Könntet ihr mal die Musik leiser drehen, die höre ich schon durchs geschlossene Fenster.“ Er bekam was er verdiente. „Ich muss hier gar nix. Wenn du nächstes Mal Geburtstag hast, komm‘ ich vorbei und beschwer‘ mich, dass die Musik zu laut is‘.“ „Wenn ihr jetzt leiser macht, können wir uns gerne darauf einigen.“

Er schloss das Fenster und wusste nicht genau mit wem er sich da überhaupt unterhalten hatte. Die zweite Person konnte entweder schon nicht mehr sprechen oder war eingeschlafen. Innerhalb von zehn Minuten war auf jeden Fall Ruhe.

Am nächsten Morgen sah der Garten aus wie nach einem Junggesellenabschied von Knastbrüdern. Restwürste auf dem Grill und dem Garten. Das Grillrost sah aus, als hätte man es mit Schlamm eingeschmiert, aber scheinbar waren das Rückstände. Leere Kippenschachteln und Bierflaschen. Ab diesem Tag gingen ihm die Nachbarn aus dem Weg und wenn sie ihn sahen, grüßten sie nicht mehr. Das war angenehm. Es war aber trotzdem der Tag an dem er begann eine neue Wohnung zu suchen. Energisch, mit Hochdruck und, Gott sei Dank, auch schnell mit Erfolg.

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