Ich gebe es zu: Als ich im letzten Semester den Kurs „Kultur im Dreiländereck“ für das kommende Semester neu aufgebaut habe, hatte ich keine Ahnung, wie weit ich damit kommen würde. Was ich hatte: einen alten Ablaufplan, ein paar Präsentationen aus vergangenen Semestern – und vier KI-Tools, die ich gezielt miteinander kombiniert habe.

Das Ergebnis: eine vollständige, hybride Lernumgebung für 12–15 Bachelorstudierende im Studiengang Internationale Wirtschaftskommunikation an der Hochschule Zittau/Görlitz. Fertig. Strukturiert. Abwechslungsreich. Und das Semester beginnt erst im September.

Hier zeige ich, wie dieser Workflow funktioniert hat – ehrlich, mit dem was gut lief und dem was nicht.


Der Kurs – und warum „hybrid“ mehr bedeutet als Online + Präsenz

„Hybrid“ klingt nach Kompromiss. In diesem Kurs ist es eine didaktische Entscheidung.

Die Selbstlernphasen laufen vollständig digital: kuratiertes Material, Lehrvideos, interaktive Quizzes – alles über Notion zugänglich, von mir zusammengestellt und auf die folgende Präsenzeinheit abgestimmt. Die Präsenzveranstaltungen dagegen laufen bewusst ohne technische Geräte: Wissen wird angewendet, diskutiert, reflektiert. Moderationskarten werden geschrieben, Argumente erklärt, Perspektiven ausgetauscht. Menschen diskutieren miteinander – sichtbar, hörbar, präsent. Rückmeldungen von Studierenden bestätigen, dass genau das geschätzt wird: ein Seminar, in dem das Smartphone in der Tasche bleibt. Und ehrlich gesagt freue ich mich genauso darauf – klassische Moderations- und Trainingsmethoden einzusetzen, die im digitalen Alltag kaum noch vorkommen. Zwei Modi, die sich gegenseitig brauchen und gegenseitig ermöglichen: Die digitale Vorbereitung schafft den Raum für echte menschliche Begegnung.

Das Problem: Eine solche Lernumgebung aufzubauen ist aufwändig. Für jeden Themenkomplex brauche ich eine Präsentation, ein Lernvideo, Quellen – wissenschaftlich und mit Regionalbezug – und eine strukturierte Notion-Seite, die Studierende durch die Selbstlernphase führt. Früher war das Wochen an Arbeit.


Die fünf Tools – und ihre Rollen im Workflow

Ich habe nicht einfach fünf Tools benutzt. Ich habe sie auf klare Aufgaben verteilt – analog zum Rollenmodell, das meiner KI-Arbeit generell zugrunde liegt: Der Mensch führt. Die KI übernimmt definierte Aufgaben.

Perplexity – der Rechercheur

Ausgangspunkt war mein alter Ablaufplan mit der Themenaufteilung auf die Semesterwochen und meine bisherigen Präsentationen zu den Themenkomplexen. Diese habe ich Perplexity übergeben – zusammen mit einem klaren Prompt: Gib mir für jeden Themenkomplex eine Präsentationsstruktur, ein Skript für ein Lehrvideo, sowie Quellenvorschläge – mindestens eine wissenschaftliche Quelle und eine mit direktem Regionalbezug.

Das Ergebnis war pro Thema eine strukturierte Grundlage, auf der alles weitere aufgebaut hat.

Gamma.app – der Gestalter

Auf Basis der Perplexity-Outputs habe ich mit Gamma.app die Präsentationen erstellt. Schnell, visuell ansprechend, ohne manuelles Folienbasteln.

NotebookLM – der Lernbegleiter

Für jede Selbstlernphase habe ich mit NotebookLM ein Lernvideo erstellt – als Audio-Zusammenfassung der Inhalte, direkt auf die Studierenden zugeschnitten. NotebookLM hat dabei nicht nur für mich als Vorbereitungstool funktioniert, sondern liefert Outputs, die Studierende direkt konsumieren können: strukturierte Zusammenfassungen, Quizfragen, Audioinhalte.

Notion – die Lernumgebung

Notion ist das Herzstück des gesamten Kurses. Alle Selbstlernphasen laufen hier zusammen: Präsentationen, Lernvideos, Quellen, Aufgaben und das interaktive Quiz – alles in einer strukturierten, webveröffentlichten Seite, die Studierende direkt aufrufen können. Notion ersetzt damit das klassische LMS und bietet dabei deutlich mehr Flexibilität bei Aufbau und Gestaltung.

Claude – der Architekt

Claude hat die Fäden zusammengeführt. Ich habe die Quellen prüfen lassen und die gesamte Struktur in Notion aufgebaut – Seite für Seite, Themenkomplex für Themenkomplex. Was mich wirklich überrascht hat: Wie wenig ich dabei von Hand eingreifen musste. Claude hat die Notion-Seiten selbstständig strukturiert, ich habe im Wesentlichen nur noch die Quellen manuell eingebunden.

Und dann war da noch das Quiz. Für die letzte Selbstlernphase hat Claude mir ein interaktives Quiz programmiert, das ich direkt in Notion einbetten konnte. Das war didaktisch genau das, was ich wollte – und technisch weit über das hinaus, was andere Lernplattformen wie OPAL ohne erheblichen Aufwand ermöglichen.


Das verbindende Element: das Teaching Statement

Was hält diesen Workflow zusammen? Nicht das Tool – sondern die didaktische Haltung dahinter.

Bevor ich mit einem Tool arbeite, konfiguriere ich es über mein Teaching Statement: ein persönliches Dokument, das meine Lehrphilosophie, meine Methoden, meine Zielgruppe und meine Prinzipien beschreibt. Es ist das Herzstück meines Teaching Portfolios – und gleichzeitig die Grundlage, auf der KI-Instanzen nicht generisch, sondern kontextsensibel arbeiten.

Das Ergebnis sind keine austauschbaren KI-Outputs. Es sind Vorschläge, die zu meiner Lehre passen – und die ich als Stratege dann prüfe, anpasse und verantworte.


Was funktioniert hat – und wo ich aufpassen musste

Die größte positive Überraschung: die Flexibilität. Im Vergleich zu klassischen Lernplattformen wie OPAL hatte ich erheblich mehr Gestaltungsspielraum beim Aufbau der Kursstruktur und bei der Einbindung von Materialien. Der Kurs fühlt sich an wie meiner – nicht wie ein Formular, das ich ausgefüllt habe.

Auch die Programmierung des interaktiven Quiz durch Claude hat mich positiv überrascht. Das war ein Moment, in dem ich gemerkt habe: Hier passiert mehr als Texterzeugung.

Schwierig war das Hosting des Quiz über GitHub – das war der einzige Punkt, an dem ich wirklich Zeit investieren musste und technisches Vorwissen gefragt war.

Und ein praktischer Hinweis, den ich gerne früher gehabt hätte: Token-Limits und kostenlose Versionen der Tools können mitten im Workflow zum Problem werden. Wer mit den freien Versionen arbeitet, sollte großzügig vorausplanen und früh genug anfangen.


Was ich davon mitnehme

Ich habe jetzt, Anfang Mai, eine vollständige Vorlesung für September. Strukturiert, abwechslungsreich, didaktisch durchdacht. Das gab mir ein Gefühl, das ich in der Lehrvorbereitung so noch nicht kannte: Vorfreude statt Zeitdruck.

Der Workflow ist übertragbar – auf andere Fächer, andere Zielgruppen, andere Semesterstrukturen. Was nicht übertragbar ist: das Teaching Statement. Das ist deins. Und genau deshalb funktioniert es.


Einen Ausschnitt der Notion-Lernumgebung – inklusive eingebettetem Quiz – werde ich in Kürze öffentlich zugänglich machen. Der Link folgt hier.